Angespielt – Eldritch Horror

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Das Ende der Welt ist nahe. Bildquelle

Hiermit rufe ich den Internationalen Tag des Lobhudelns aus. Denn das Spiel, das ich heute besprechen will, gehört zu meinen absoluten Lieblingstiteln.

Eldritch Horror ist ein kooperatives Spiel für 1-8, eher 4-6 Personen, mit einer mehr als abendfüllenden Dauer von 4 bis etwa 7 Stunden. Gemeinsam versuchen wir, einem kosmischen Grauen aus den Werken von H.P. Lovecraft entgegenzutreten, ohne dabei wahnsinnig zu werden oder als Futter irgendwelcher absurder Monstrositäten zu enden.


Wie geht das?

Vor uns liegt eine Weltkarte, angereichert mit fiktiven Orten des Cthulhu-Mythos. Daneben ein riesiger Haufen verschiedenster Kartenstapel und Marker, die es hier aber auch wirklich alle fürs Spielgefühl braucht. Wir wählen unsere Ermittler und bestimmen zufällig, welch grausame Gottheit die Erde heute verschlingen wird. Um sie zu bezwingen, werden wir im Laufe der Partie nacheinander vor drei große Aufgaben gestellt (Mysterien). Die gilt es zu lösen, bevor ein Countdown des Verderbens abläuft.

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Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn. Bildquelle

Gespielt wird reihum in drei Phasen:

  • Aktionsphase: Wir kläglichen Erdenwürmer versuchen, irgendetwas sinnvolles anzustellen. Wir reisen auf dem Plan herum, kaufen nützliche Gegenstände, lecken unsere Wunden und dergleichen. Diese Aktionen sind relativ simpel und zielgerichtet, in erster Linie nutzen wir sie, um uns passend für die nächste Phase zu positionieren.
  • Begegnungsphase: Der Spielplan macht etwas mit uns, je nachdem, wo wir uns gerade befinden. Dazu werden Karten gezogen und die Geschichten darauf vorgelesen. Meist muss man dann würfeln oder eine Entscheidung treffen, die Folgen variieren immens.
  • Fiese Phase: Jetzt ist das Böse an der Reihe, uns weitere Stöcke in die Speichen zu stecken. Wir ziehen eine Karte und befolgen die Anweisungen darauf, neue Monster, höllische Portale und andere Ekligkeiten erscheinen, der Spielplan sieht schlimmer aus als je zuvor. Dann geht es wieder von vorne los.

Es ist sehr wichtig für den Wiederspielwert, die Kartentexte nicht zu „spoilern“. Also spickt nicht auf Kartenrückseiten, lest immer nur so weit, wie ein Spieler gekommen ist, und legt die Karten dann sofort ab.

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Wie hoffnungsvoll sie noch lächelt. Bildquelle

Das Würfelsystem ist relativ simpel: Jeder Charakter hat eine Reihe von Eigenschaften, die in verschiedenen Proben gefordert werden. Dabei werden so viele Würfel geworfen, wie die Charakterkarte angibt. Ist eine 5 oder 6 dabei, ist die Probe bestanden, ansonsten passieren schlimme Dinge.


Warum ist das so großartig?

Voll kompliziert, aber zugänglich: Eldritch Horror hat tausende Detailregeln und ist eine abartige Materialschlacht. Die haben sich nicht den Hauch einer Mühe gegeben, ein schlankes Spiel zu produzieren. Gott sei Dank! Und dennoch, ich habe Eldritch Horror in verschiedensten Runden, auch mit Wenig- bis Garnichtspielern auf den Tisch gebracht, kein Problem. Welche Aktionen es gibt und wie man würfelt, das ist in fünf Minuten erklärt, dann können wir uns auch schon ins Geschehen stürzen. Eigentlich muss nur einer am Tisch wirklich die Regeln kennen und ein paar Verwaltungsaufgaben erledigen. Der Rest ergibt sich von selbst, weil das auf den Karten steht, weil das in Form von Geschichten passiert. Und weil niemand so recht weiß, was passieren wird, gibt es auch keine Probleme mit Alphaspielern.

Gnadenlos und höllisch schwer: Das Spiel versucht alles, uns daran zu hindern, die Aufgaben zu lösen. Es schreckt vor nichts zurück, ist gerne auch mal völlig unfair: Ich versuche, das Portal hier zu schließen. – Na gut, was steht denn hier auf dieser Karte? Wenn du einen Fokusmarker abwirfst, wird der Erfolgeffekt ausgeführt, wenn nicht, dann… – Aber ich habe keinen Fokusmarker! Woher sollte ich denn wissen, dass ich hier sowas brauche?- Schade Schokolade. Hier, du kriegst den Zustand Amnesie. – Was? Nein! – Viel Glück weiterhin, das Portal bleibt erstmal stehen. So oder so ähnlich laufen diverse Begegnungen ab. Dennoch stehen wir eigentlich immer auf Messers Schneide, eine klitzekleine Hoffnung bleibt, waghalsige Pläne werden geschmiedet. Dann scheitern aber sicher geglaubte Würfelwürfe, wie ein Kartenhaus fallen unsere Siegchancen in sich zusammen. Ich habe das Spiel so gut wie nie siegreich beendet, aber auch das stört mich überhaupt nicht, denn…

Der Weg ist das Ziel: Mehr als in jedem anderen Brettspiel tauche ich hier in die Geschichten ein. Nicht nur in die liebevollen kleinen Kartentexte, es geht mir hier vor allem um den Film, der sich vor meinem geistigen Auge abspielt. Eldritch Horror lädt dazu ein, den Charakteren  dabei zuzusehen, wie sie als Spielball dunkler Mächte ins Verderben schlittern. Wer die Werke von H.P. Lovecraft kennt, der weiß: Nichts könnte passender sein. Gewinnen? Lachhaft! Das einzige, was es hier zu gewinnen gibt, ist das erlösende Abgleiten in den Wahnsinn.

Das baumelnde Damoklesschwert: Meine Lieblingsmechanik ist die Verwendung von sogenannten Racheeffekten und Kartenrückseiten. Etwa der Dunkle Pakt: Meistens erhält man diesen schlimmsten aller Zustände in Kombination mit etwas verlockend Gutem, wie Du darfst den Verderbensmarker zurück setzen, wenn du den Zustand Dunkler Pakt annimmst. Dann liegt diese Karte erstmal bei dir rum, völlig harmlos. Aber sie hat einen Racheeffekt: Wirf einen Würfel, bei einer 1 wird die Karte umgedreht. Vielleicht passiert das schon nächste Runde, vielleicht passiert es nie. Wer kann das schon sagen? Und was steht hinten drauf? Bin ich schon so gut wie tot? Worauf habe ich mich da eingelassen? Es ist diese nagende Furcht, die Eldritch Horror so großartig macht.


Fazit

Ich empfehle Eldritch Horror jedem spielebegeisterten Menschen, mit kleinsten Abstrichen:

  • Ein teurer Spaß: Die zahlreichen Erweiterungen sind zwingend mitzukaufen. Nicht wegen ihres eigentlichen Inhalts, was ich da bisher gesehen habe, ist zwar nett, aber nicht bahnbrechend innovativ. Viel wichtiger ist es, an zusätzliche Standardkarten zu kommen, also Begegnungen, Charaktere, Gegenstände, Zauber, Zustände und dergleichen. Die Stapel im Grundspiel sind schon fast sträflich klein geraten, die kennt man viel zu schnell auswendig.
  • Ein langer Spaß: Eldritch Horror kann zeitlich jeden Rahmen sprengen. Ich erinnere mich an Spieleabende, die gegen 4 Uhr morgens abgebrochen werden mussten, obwohl niemand gehen wollte. Wer für sowas keine Spielrunde hat, braucht es gar nicht erst versuchen.
  • Ein morbider Spaß: Offensichtlich ist das Thema des Spiels aus der Horrorecke. Es enthält kein wirklich blutiges Bildmaterial, aber die Geschichten sind teilweise schon ein bisschen eklig.

Sind das keine Hindernisse, ist Eldritch Horror ein Pflichtkauf.

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17 Gedanken zu “Angespielt – Eldritch Horror

    • Ich habe mir die ersten drei Erweiterungen in chronologischer Reihenfolge geholt und bin mir der Entscheidung zufrieden.

      Das Problem im Grundspiel sind die allgemeinen Begegnungsdecks, die nur 8 Karten groß sind. Dadurch ist es möglich, bereits im ersten Spiel zwei mal die selbe Begegnung zu ziehen. Das Grundspiel hat für mich dadurch eher den Charakter einer Demo: mag ich das Spiel und hat die Gruppe, mit der ich es spielen möchte, Spaß daran?

      1. Erweiterung: Vergessenes Wissen
      Alles, was im Grundspiel ist, wird ausgebaut. 8 neue Karten für jedes Begegnungsdeck und neue Mysterien für die großen Alten des Grundspiels machen das Grundspiel erst komplett (jede andere Erweiterung bringt 4 Karten für die Begegnungsdecks mit). Pflichtkauf nach den ersten zwei oder drei Spielen. Nachteil: es gibt keine neue Mechanik oder Ermittler.

      2. Erweiterung: Die Berge des Wahnsinns
      Hier werden einige neue Mechaniken eingeführt, die das Spiel deutlich ausbauen: Fokus, besondere Unterstützungen und die Prologe. Viele gute Ideen, die hier umgesetzt werden und das Spiel bereichern.

      3. Erweiterung: Absonderliche Ruinen
      Die neuen Elemente aus der 2. Erweiterung werden angereichert und enger ins Spiel verzahnt. Die Effekte bei Begegnungen und Zaubern werden ausgefallener.

      Rückblickend ist das Spiel erst mit den ersten drei Erweiterungen das reichhaltige und abwechslungsreiche Spiel, das ich so sehr mag. Mit der Anschaffung würde ich also nicht all zu lange warten.

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  1. Ich muss Alex leider zustimmen. Das Spiel ist erst mit den Erweiterungen vollständig. Das ist ein Verlagsgebaren, das ich verabscheue. Nichtsdestoweniger gefällt mir Eldritch Horror sehr gut, allerdings aus den entgegengesetzten Gründen wie Dir, Peter:

    Ich habe früher viel Arkham Horror gespielt und bin total froh, dass es das jetzt quasi als Neuauflage für zwischendurch gibt. Ich finde es herrlich, dass das Spiel mit so wenig Material auskommt und nie länger als zwei Stunden geht.
    Arkham war zwar sehr viel schwerer zu gewinnen, Eldritch geht da mehr in Richtung Pandemie, aber dafür ist Eldritch meines Erachtens nach thematisch dichter und das finde ich toll.
    Was FFG allerdings wirklich gut hinbekommen hat, ist, dass man ständig das GEFÜHL hat, es könnte gleich alles den Bach runtergehen.

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      • Keine Ahnung. Wir brauchen meist ca. 120 Minuten. Und irgendwie finden wirs nicht so schwer. So lange jeder mit nem Fokusmarker oder wie die heißen rumläuft, kann man ja eigentlich alles erledigen, wenn die Würfel mitspielen. Monster kann man zu 90% eh ignorieren und auch bei den Toren muss man ja nur schnell handeln, wenn sich die entsprechende Konstellation nähert.
        Und da, sobald man zwei oder drei Ausrüstungen/Trainings hat jeder fast alles kann, ist auch die Zugweite selten ein Problem.

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    • Ich habe ein paar Partien erlebt, die ich „einfach“ nennen würde. Aber im Normalfall bricht irgendwann alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Es macht in Koopspielen dieser Art einfach einen riesigen Unterschied, ob man auf der Welle reitet oder von ihr zermalmt wird.

      Das passiert bei uns andauernd. Sicher geglaubte Würfelwürfe gehen daneben, wichtige Portale bleiben offen, nicht nur bekommt man die Belohnung nicht, obendrauf wird man auch noch mit irgendwelchen Krankheiten, Verletzungen oder Zugverlust bestraft…

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  2. Hast Du eigentlich mal Arkham Horror probiert? Eines meiner Facourites, Eldritch ist bei uns leider durchgefallen – das bedrohende innerhalb einer Stadt, gepaart mit etwas mehr Einfluss, hat uns bei Arkham Horror bleiben lassen. Trotzdem, Eldritch hat gut Sachen drin, insbesondere das Fortschreiten der Geschichte durch die GA-KArten (oder wie die heißen). Ich hoffe immer noch auf ein Arkham 2.0…

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