Angespielt -Wingspan

wingspan

Es ist ja thematisch ganz passend für ein Ornithologenspiel, dass ich einen Feldstecher benutzen müsste, um die Kartenauslage meiner Mitspieler zu lesen, aber leider fehlte dieses wichtige Zubehör in meiner Spieleschachtel.

Wingspan, der neueste kometenhafte, hypetrainigste, sofort ausverkaufte große Wurf von Jamey Stegmaier, eine fulminante Erfolgsgeschichte, um die gerade in der Filterblase kein Weg herum führt, von 0 auf Top 100 auf Boardgamegeek, das optisch schönste Spiel aller Zeiten, das die Nerds aus ihren muffigen Brettspielhöhlen hinaus zu Spaziergängen in der Natur inspiriert, das sie Futterhäuser an ihre Balkone tackern lässt… Dann kucken wir doch mal.


Was passiert?

Wir grabbeln uns Karten aus einem riesigen Kartenstapel mit 170 einzigartigen Vögeln drauf. Die spielen wir dann aus, füttern sie und lassen sie Eier legen, und das bringt alles irgendwie Siegpunkte. Nebenher sollen wir mit den Mitspielern in Rundenwertungen konkurrieren und uns um private Aufträge kümmern, etwa „du kriegst Bonuspunkte für alle deine Vögel, die nur Würmer fressen. Von nun an darfst du dich Schneckenfreund nennen“.

Dass wir unsere Vögel in Reihen gruppieren und direkt an unsere Aktionen binden, lässt nette kleine Kettenzüge zu, à la: „Ich ziehe zwei Karten, ziehe nochmal zwei Karten,  verfütter eine davon an diesen Vogel, das bringt einen Punkt, eine verfütter ich an den hier, dann darf ich noch eine nachziehen, und dann muss ich noch eine Karte abwerfen. Bämm, Junge!“


Wie finde ich das?

Das Spiel ist tatsächlich eines der schönsten, das ich je in den Fingern hatte. Da stimmt auf den ersten Blick einfach alles. Tolle Artworks, ein hübscher Würfeltürm in Vogelhausform, formschöne bunte Plastikeier (bald ist Ostern). Auf den zweiten Blick sind manche Dinge dann aber leider nicht sonderlich funktional. Neben ein paar kleinen Details sind das vor allem die viel zu kleinen relevanten Details auf den Spielkarten. Die sind derart klein gedruckt, dass ich die Mitspieler entweder andauernd fragen müsste, was ihre Vögel so können und ob sie mit mir in den Wertungen konkurrieren, oder aber…

…ich spiele einfach solitär. Das Spiel ist mechanisch nicht solitär designt, ganz im Gegenteil, aber – das – hilft – nichts! Es spielt sich so, weil ich schlicht nicht sehen kann, was die anderen so treiben. Die Konsequenz daraus ist: Es ist mir völlig egal, was sie tun. Dass ich erst am Ende meinen wilden Punktesalat für alles mögliche bekomme, und dass alle Karten unterschiedlich sind, hilft auch nicht gerade dabei, dass ich meinen Platz in diesem Wettrennen so wirklich einschätzen kann.

Spielerisch betreibe ich einen eher seichten Engine Builder. Viel planen kann ich nicht, viel hängt vom Zufall ab. So habe ich wenig bis keinen Einfluss darauf, welche Vögel ich bekomme oder ob das passende Futter erwürfelt und liegen gelassen wird. Mal passt es super, mal überhaupt nicht, das ist dann halt so. Und die daraus resultierenden Entscheidungen wirken gefühlt oft sehr offensichtlich, manche Aktionen und Karten erscheinen klar besser als andere. Ein schon oft bemängeltes Beispiel ist, dass alle das gesamte letzte Viertel des Spiels damit zubringen, nur noch Eier zu legen, weil das „Siegpunkte für Null Planung, Null Kosten und Null Aufwand“ bedeutet und die anderen Aktionen damit kaum mehr konkurrieren können.

Thematisch ist das Spiel kurios. Die Schachtelrückseite erzählt mir, ich wäre ein Mensch, der schöne Vögel ankucken will oder sowas. Mechanisch bin ich aber ein mysteriöser omnipotenter Vogelgott, der bestimmen darf, wann genau die Vögel Eier legen und ob ein Vogel sich in den Wald setzt oder in den Fluss, und der aus irgendwelchen Gründen mit anderen omnipotenten Vogelgöttern vereinbart hat, dass es am Ende Punkte für die heimische Fauna gibt. Also… ja, Wingspan hat ein Thema, nein, es ist nicht sonderlich thematisch. Aber schön anzuschauen, das auf jeden Fall.


Fazit

Ich verbleibe mit einem „optisch hui, spielerisch mmmh“.

Oder, wie man das als Brettspielblogger halt so ausdrückt: „Meins ist es nicht, aber für >Familien< [irgendeine Zielgruppe, mit der ich es nicht gespielt habe und von der ich Null Ahnung habe] ist es sicherlich sehr zu empfehlen.“

Ich glaube, das Spiel würde bei mir massiv dazugewinnen, wenn die Karten minimal lesbarer wären, und auch über Kopf. Dann täte ich es vielleicht anders spielen. So weiß ich nicht, ob ich es nochmal auf dem Tisch haben muss.

PS: Man könnte meinen, ich hätte mich auf Stonemaier Games eingeschossen. Ich glaube, ich mochte bisher nur between two cities so wirklich.

PPS: Ich habe keinen einzigen Vögelwitz eingebaut.

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