Angespielt – Scythe

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Ein wundervolles Cover; Bildquelle: BGG

Scythe ist nicht nur ein Spiel, es ist ein Phänomen. Eine unglaublich erfolgreiche Kickstarterkampagne, momentan auf dem sechsten Platz auf Boardgamegeek, es hat mit das schönste Spielmaterial aller Zeiten, es verspricht einen Brückenschlag zwischen Euro und Wargame, es ist wundervoll illustriert, kurzum: alle scheinen es zu lieben.

Gespielt wird in einer alternativen Zeitschiene. Ungefähr im ersten Weltkrieg ist irgendwas schiefgelaufen oder gut gegangen, wer will das schon beurteilen, auf jeden Fall gibt es jetzt diese schweinecoolen Kampfroboter in Osteuropa. Keine weiteren Fragen.


Wie funktioniert das?

Zunächst bekommt jeder eine Fraktion zugelost, also Spielerfarbe und Sonderregeln.

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Rusviet mit ihrem süßen Tiger; Bildquelle: BGG

Dazu kommt noch ein zufälliges Aktionsboard, die sind auch alle unterschiedlich (So viele Kombinationen! Wiederspielwert! Hurra!). Darauf sind vier obere und vier untere Aktionen zu finden, man wählt jeweils die obere und macht die untere mit, wenn man sie denn bezahlen kann und will, die kosten nämlich – vor allem zu Beginn – einen Haufen Rohstoffe.

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Da liegen eigentlich diverse Holzklötze drauf rum; Bildquelle: BGG

Das schöne daran ist, dass ich mit der Zeit meine Aktionen besser und billiger gestalten kann. Zu Beginn liegen nämlich diverse blockierende Holzklötzchen rum. Pro Upgrade kann ich oben ein Klötzchen wegnehmen, was die Aktion verbessert, und es zusätzlich nach unten verfrachten, was dort dann entsprechend den Preis senkt.

Dieses wunderschöne Prinzip findet sich an ein paar anderen Stellen wieder: Wer etwas vom Tableau nimmt, bekommt nicht nur das, was er aktiv damit vorhatte, sondern findet darunter auch noch irgendeinen kleinen Bonus, den er von nun an auch noch mitnehmen darf. In dieser Hinsicht ist das Spiel hervorragend gestaltet.

Was machen wir mit diesem schicken Tableau? Wir fummeln auf dem Spielplan herum. Wir setzen neue Arbeiter ein, bauen Rohstoffe an und ab, bewegen Figuren herum, besetzen Gebiete, und wir kämpfen auch ein bisschen. Aber nicht so, dass es wehtut. Besiegte Figuren müssen nur nach Hause, nicht vom Spielfeld.

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Und noch ein Bild von BGG gemopst, damit ihr seht, was sich da so tummelt.

Wozu machen wir das? Zum Spielende bekommen wir Siegespunkte für Gebietskontrolle, Rohstoffe und Meilensteine. Nebenher müssen wir dafür sorgen, bei der Bevölkerung beliebt zu sein, dann sind diese Errungenschaften noch mehr wert.

Was sind diese Meilensteine? Gemeint ist hier natürlich nicht das Steinding am Wegesrand, sondern die Bedeutung in der BWL. In Spielersprache übersetzt geht es um das Erreichen von besonders „tollen“ Zwischenergebnissen. Das ist ein Prinzip, das dem Autor sehr zu gefallen scheint, es findet sich zum Beispiel auch in Euphoria. Man kann es vereinfacht umschreiben mit „Mach Dinge, damit du Dinge gemacht hast.“ Setze alle Arbeiter ein. Du brauchst sie zwar nicht alle, die lungern dann nur blöde herum, aber der letzte bringt einen Stern. Baue vier Häuser. Nicht, weil du das vierte wirklich willst, aber es bringt einen Stern. Etc. Man merkt vielleicht, ich mag das nicht so sehr wie Herr Stegmaier. Und ich schwenke schon in den wertenden Teil um.

Das Spiel endet ziemlich aprupt, sobald ein Spieler seinen sechsten Meilenstein erreicht hat. Genauso wie mein Regelüberblick. Scythe hat sehr viele Detailregeln, und ich werde den Teufel tun und die alle aufschreiben.


Mag ich das?

Leider weniger, als ich es mögen will. Das ist so ein wunderschön gestaltetes Spiel, und es hat auch noch ein paar echt schicke Regeln drin… Aber es ist echt nicht meins, glaube ich. Es folgt eine Auflistung von Gründen, alle wie immer rein persönlich.

I. Scythe hat einen seltsamen Spannungsbogen.

Die ersten 10-12 Spielzüge sind relativ ereignisarm. Wir sind eingekesselt auf unserer kleinen Startinsel und können diese auch nur bedingt verlassen. Dazu kaum Rohstoffe und äußerst eingeschränkte Aktionen. Dann breiten wir uns langsam aus, könnten dies und jenes tun und uns auch endlich die Köpfe einhauen, aber jetzt geht es auf einmal ziemlich fix. Die Meilensteine purzeln nur so dahin, und im Nullkommanix ist das Spiel vorbei. Bevor das anfängt, was ich ein „Spiel“ nennen würde.

II. Ich mag die „Aufbauphase“ nicht.

Habe ich mein Aktionsboard und meine ersten beiden Rohstofffelder vor mir liegen, spiele ich erstmal rein solitär. Ein Optimierspiel, das eine eindeutige Lösung hat. Eine, die ich vielleicht nicht finde, ein Spieler mit mehr Erfahrung oder ein Computer könnten das aber durchaus. Ein Puzzle, kein Spiel. Ich fühle mich hier wie auf Schienen, auch wenn ich persönlich vielleicht von der Strecke abkomme. Ich zitiere hier einfach mal kurz den Beitrag von MetalPirate im Forum unknowns.de:

Es gibt ein paar komplexe Spiele, die umso schlechter werden, je besser die Mitspieler sind. (…garantiert sinnentstellendes Kürzen meinerseits…) Scythe ist seit Erscheinen für mich das absolute Musterbeispiel für diese Kategorie von Spielen.

III. Ich mag das Kampfsystem nicht.

Gekämpft wird kurioserweise über blinde Auktionen. Die Streithähne bieten eine Ressource namens Kampfkraft, wer mehr geboten hat, gewinnt. Mit der Folge, dass er vermutlich nicht allzu viel Kampfkraft übrig hat, also kommt der nächste und haut ihm seinerseits auf die Mütze. Der alte Pyrrhus singt sein Liedchen. Und – hurra! – ein Sieg bringt einen Meilenstein. Ich mag schon Auktionen nur bedingt, blinde noch weniger (ich tendiere zum Überbezahlen), als Kampfsystem erscheint es mir einfach nur falsch.

IV. Ich mag das Bewegungssystem nicht.

Ich gehe jetzt nicht auf Details ein, aber die Regeln sind hier genauso unintuitiv, wie die Optionen zahlreich sind. Was zu fürchterlichen Nachdenkphasen führen kann, wenn man sich tatsächlich auf alle Gegner und ihre Optionen vorbereiten will. Erneut bemühe ich ein Zitat, diesmal von einem BGG-User namens JohnClark:

“Phil, remind me – your Mechs have riverwalk across to forests and mountains? Oh? Forests and villages? Thanks. OK, so if leave a single Mech in this hex then that will give you an easy star. Mike, have you got a Factory advancement where one unit can move twice? Yes, but your pawn is on it so you can’t use it again, so I am safe from that option. Cool. Phil, I don’t think your Mechs can reach me. Wait, they can – you can use the tunnel building you just put out. Hmmm. That makes it tricky. Hang on, oh, wait … Mike, you are playing as Rusviet, so you can choose that action again, so I am vulnerable here. I think I will have to move my Mechs to protect my wood resources. Sorry guys … um, Phil, I’ve forgotten now … your Riverwalk is to farms and villages? Oh, forests and villages. Yep, I know you already told me. There’s just a lot to take into account.”

V. Ich bin kein Fan der Meilensteine.

…das kommt jetzt bestimmt total unerwartet.

Wenn ich etwas aufbaue, dann will ich etwas damit machen, davon auf anderen Ebenen profitieren. Ich will eine Ökonomie aufbauen, damit ich total viele Rohstoffe bekomme, mit denen ich wiederrum viele Roboter bauen kann, die dann wiederrum meine Gegner niederwerfen. Oder so ähnlich. Scythe erfordert ein anderes Herangehen: Bau es auf, damit es da ist. Kriegst ein Sternchen dafür. Wie, du willst das dann auch noch nutzen? Warum? Das ist Zeitverschwendung. Wir spielen stets auf etwas hin, das uns von oben vorgegeben wurde, und so fühlt sich das auch an. Mach, was der Lehrer sagt. Es wird schon richtig sein.

Insbesondere das Element geheimes Ziel finde ich schrecklich. Jeder hat zwei dieser Karten, und irgendwann dreht er eine davon stolz um und sagt, er hat jetzt irgendwas tolles erreicht und will einen Stern dafür. Die Bedingungen dafür sind aber absurd willkürlich und – aus einem strategischen Blickwinkel – völlig uninteressant für alle anderen Spieler, für ihn selbst eigentlich auch. Fein hast du das gemacht. Hier, kriegst dein Sternchen.


Ende Gelände

Meine Kritikpunkte lassen sich vermutlich mit zwei Worten zusammenfassen:

Falsche Erwartungen.

Scythe ist kein 4X Spiel, es ist wesentlich mehr ein Wettlauf denn ein Kampfspiel. Das steht im Hintergrund, es ist irgendwie auch noch da, aber drangetackert. Wobei ich behaupten möchte, dass diese meine Erwartungshaltung durch das martialische Thema und Spielmaterial gefördert wurde. Ich bin also nicht schuld. Das Spiel ist schuld.

Scythe funktioniert an sich. Glaube ich, zumindest. Und es ist ein wunderschön gestaltetes Spiel. Aber meiner Meinung nach das falsche für dieses Thema.


Geistige Notiz: Ich sollte unbedingt mehr Spiele lobhudeln. Ich lebe und liebe dieses Hobby, aber in letzter Zeit ist viel zu viel „Hmm“ und „Nicht meins“ dabei. Kein Wunder, dass mir niemand Rezensionsdinger aufschwatzen will, auch wenn ich voll oft gelesen werde.

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10 Gedanken zu “Angespielt – Scythe

  1. Ich bin sonst ein stiller Leser (an dieser Stelle ein Lob an die interessanten Beiträge 🙂 ), aber hier wollte ich auch mal ein paar Zeilen zu schreiben:

    Deine Meinung und Kritik kann ich gut nachvollziehen, angefangen mit der Erwartungshaltung. Bei Thema und Aufmachung hatte ich auch an Konflikte und hin- und her wogende Grenzen gedacht. Vielleicht nicht als Kernmechanik, aber als wichtigen Aspekt im Spiel. Zumindest bei meinen bisher drei Partien hat man eher versucht sich immer mehr so gut es geht aus dem Weg zu gehen, vor allem, weil die Kämpfe für den Gewinner bestrafend sind (ggf Verlust von Popularität beim Vertreiben von Arbeitern, Kampfkraft als Ressource, die einen nach Überbezahlen schnell als hilfloses Opfer zurück lässt) und der Gewinn dafür meist recht mager ist, vor allem wenn man erst mal den Stern für den ersten Sieg bekommen hat. Den wiederum empfinde ich als zu leicht, dafür, dass man für andere „Meilensteine“ in vielen Runden darauf hinarbeiten muss. Das ganze sorgte bei uns dafür, dass keiner kämpft, und wenn sich das Ende abzeichnet noch versucht wird schnell leichte Sterne abzugreifen.

    Gerade auch mit dem Riverwalk bin ich unzufrieden. So schlimm wie in Deinem zitierten Beispiel empfinde ich es nicht, da auch jeder Spieler eine Übersicht vor sich liegen hat, welches Volk sich wie bewegt. Allerdings spielt es sich einfach unintuitiv. Spielmechanisch sinnvoll, aber es fügt sich nicht gut ins Spiel ein.
    Ebenso gefallen mir die geheimen Ziele nicht so recht. Teilweise bieten sie keinen Aspekt, auf denen man nebenbei hinarbeiten kann, sondern geben die gesamte Strategie im Spielverlauf vor. ZB habe viele/alle Arbeiter und/oder Gebäude (weiß ich im Detail nicht mehr), aber keine Mechs. Das bedeutet man braucht so schnell wie möglich den Tunnel, kann sich nicht gut ausbreitet, da die doppelte Bewegung und das „mitfahren“ auf Mechs fehlt, und kaum Bedrohungspotential, sammelt also viele Ressourcen für Upgrades etc., um an Punkte zu kommen. Sobald man das Geheimziel eingelöst hat, kann man den Bedingungen widersprechen, aber bis dahin ist das Spiel auch schon weit fortgeschritten

    Bei aller Kritik spiele ich es bisher doch eigentlich ganz gerne, vielleicht auch weil es noch nicht viele Partien waren und man noch das Gefühl hat viele Strategien fahren und Entscheidungen treffen zu können (wenn es die Geheimmission zulässt bzw. man sie ignoriert). Beispiel Saxonian Empire: verlasse ich die Insel mit Riverwalk, über das Tunnelgebäude oder die Fähigkeit Gebirge als Tunnel nutzen zu können?
    Auch das eigene Tableau zu optimieren, macht viel Spaß und kannte ich in der Form noch nicht. Aber den Hype um Scythe verstehe ich auch nicht so recht.

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  2. Ich kann dir mal wieder Zustimmen. Für mich auch ein Spiel das unheimlich an Spielspaß verliert je öfters man es Spielt. Die 1. Partie hat noch richtig viel Spaß gemacht. Alles war Unbekannt. Man wusste nicht so richtig wie man es machen soll, was gut was schlecht ist. Man probiert aus und es macht Spaß ist spannend und macht richtig Laune. Doch schon die zweite Partie verlief auf Autopilot. Schon bevor ich den ersten Zug gemacht habe legte ich grob fest, welche Meilensteine ich in welcher Reihenfolge „abarbeiten“ möchte. Davon bin ich dann einmal abgewichen (ein Mech stand da so nett rum und das musste ich dann einfach Angreifen xD) Mit jeder weiteren Partie wurde es mehr und mehr zu einem abspulen von Mechanismen. Wenn andere Spiele mit jeder Partie interessanter werden wird dieses Spiel mit jeder Partie langweiliger. Ich mag es andersrum lieber. Ist aber auch in Ordnung so hat man nicht ständig das Gefühl man müsste es öfters spielen.

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      • Es macht Spaß ein Spiel zu entdecken. Bei Scythe hatte ich gefühlt nach 2 Partien alles gesehen. Denn je nachdem welche Frankion und welches Tableu ich bekomme legt das eigentlich schon fest welche Strategie ich spiele. Bei anderen Spielen lerne ich immer noch neues kennen, muss mich immer wieder auf neue Sitation einstellen. In Scythe gibt es davon recht wenig denn die Interaktion mit den anderen Spielern ist doch sehr gering.

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  3. Schön, Du magst dieses Spiel nicht. Anscheinend so sehr nicht, daß Du viel wertvolle Lebenszeit mit einer ausführlichen Rezession vergeudet hast. Die ganzen Arbeiter bspw. braucht man übrigens um mehr Rohstoffe zu produzieren, Gebiete zu kontrollieren und dabei auch auch feindliche Kämpfer von 2-Felder-Bewegungen abzuhalten. Ich hoffe mal, Dein Pamphlet bringt viele potentielle Scythe-Spieler nicht vom eigenen Ausprobieren ab, denn das würde sie um ein schönes Spiel bringen.

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    • Oh man über alle heißt es man solle Spiele nicht nur loben. Dann schreibt ihr jemand mal was negatives und schon hat er seine Lebenszeit vergeudet. Nein er hat einfach eine Meinung so wie du auch. Und zu deinem Arbeiter Problem.

      Ich spiele das ganze Spiel und mir fehlen noch zwei Sterne. Ich habe bis auf 2 Arbeiter alle gebaut. Warum soll ich diese zwei Arbeiter nicht auf den Plan setzen? Klar ich mach das aber dort stehen sie und ich mach in dem Moment nichts mehr damit. Stehen also nur dumm rum. Und dafür wirst du dann vom Spiel belohnt. Das ist in Ordnung genial aber nicht.

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