Angespielt – Broom Service

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Bildquelle: Ravensburger

Das Brettspiel, nicht das eben erst erschienene Kartenspiel zum Brettspiel. Manchmal bin ich etwas langsamer, manchmal mache ich erstmal einen Bogen um gewisse Spiele. Das hier gehört zur zweiten Sorte.


Wie funktioniert es?

Thematisch sind wir Hexen oder sowas, und wir produzieren und liefern Tränke auf einem Spielfeld mit bunten Feldern aus. Daher der Kalauer im Titel. Praktisch schieben wir Meeple auf einer Karte herum, zu möglichst siegpunktträchtigen Orten, und liefern dort Rohstoffe ab. Das würde auch mit Raumschiffen oder Ochsenkarren funktionieren.

Wir spielen insgesamt sieben Runden, in denen jeder Spieler seine zehn Aktionskarten auf die Hand nimmt und vier davon auswählt: Tränke produzieren, seine Meeple bewegen, Tränke verkaufen und dergleichen, in verschiedenen Farben für die verschiedenen Geländearten und Tranksorten.

Die werden dann reihum ausgespielt, und zwar immer in einer von zwei Stufen: Du kannst sie feige für den kleinen Effekt ausspielen, den du dann aber auch sicher bekommst. Oder du spielst sie mutig, das bringt potentiell deutlich mehr, zum Beispiel drei neue Tränke statt einem, aber wenn nach dir noch jemand diese Karte spielt, bekommst du gar nichts.

Die Spieler müssen bedienen: Spielt jemand eine Waldhexe aus, müssen alle Spieler reihum ihre Waldhexen dazulegen, und dabei natürlich stets abschätzen, ob die nachfolgenden Spieler auch eine Waldhexe haben könnten, ob sie also mutig sein können oder wollen oder nicht.

Obendrauf gibt es jede Runde noch eine Ereigniskarte, die für diverse Dinge zusätzliche Punkte ausschütten kann oder sonstwie temporär die Spielregeln ändert, dann ist das Spiel vorbei, und der mit den meisten Siegpunkten hat gewonnen.


Macht das Spaß?

Die drollig-bunte Aufmachung und die Bezeichnungen feige und mutig suggerieren erstmal ein spaßiges Bluffspiel. Das halte ich aber für falsch, wer hier zu oft auf sein Glück vertraut, wird höchstvermutlich siegpunkttechnisch baden gehen.

Stattdessen betreibe ich furztrockenes Risikomanagement. Brauche ich die Aktion unbedingt? Dann spiele ich sie in jedem Fall feige aus. Brauche ich sie nicht unbedingt? Warum hab ich die Karte dann überhaupt ausgewählt? In dem Fall schaue ich halt ein bisschen auf die gegnerischen Meeple, ob die aktuelle Karte für sie überhaupt Sinn machen würde, und treffe dann eine risikominimierende Entscheidung.

Oft spiele ich ohnehin nur mutig, weil das die Spielerreihenfolge ändert. Denn fast schon wichtiger als diese Bluff-Komponente erscheint das Timing: Nichts ist ärgerlicher, als Aktionen ungenutzt abwerfen zu müssen, weil ich eigentlich erst die Berghexe und dann den Bergdruiden spielen wollte, aber irgendjemand anders mit einem Bergdruiden eröffnet und ich bedienen muss. Hier werden dann teilweise komplette Züge verhagelt, aber nicht, weil der Mitspieler mich ärgern wollte, das geschieht eher zufällig. Um sich dagegen abzusichern, hilft es eigentlich nur, eine langweilige, absolut sichere Aktionskartenhand zusammenzustellen.

Zudem gibt es eine Reihe von Wegschnapp-Momenten, die meisten Türme akzeptieren zum Beispiel nur einen einzelnen Trank.Ich mag Interaktion, aber ich mag es nicht so sehr, wenn man als Beiprodukt einer Aktion abgestraft wird, obwohl einen der andere Spieler gar nicht ärgern wollte. Und das kommt hier regelmäßig vor.

Zwei Runden habe ich gespielt, einmal zu fünft, einmal zu dritt, die zweite Partie nur auf Drängen einer Mitspielerin. Zu fünft war das Spielfeld sehr eng, die spannenden Lieferungen schnell blockiert, und es erschien schon fast verrückt, Karten mutig spielen zu wollen. Toll dann auch die Ereigniskarte, die besagt, dass der Anspieler immer mutig sein muss. Lies als: Wer anspielt, spielt nicht mit. Hmmm. Erscheint mir grandios. Zu dritt waren es fast schon wieder zu viele Möglichkeiten, so dass man eigentlich immer irgendwas sinnvolles tun konnte. Das Spiel war etwas weniger chaotisch, vielleicht etwas taktischer, aber wirklich spannender kam es mir auch nicht vor. Ich hab mein Ding runtergespielt und haushoch gewonnen, aber ohne jede Begeisterung. Zu fünft war ich irgendwo im Mittelfeld, und auch nicht allzu angetan.


Wertung

Auf der Schachtel steht Kennerspiel des Jahres 2015. Wie vermutlich durchkommt, ich hätte es nicht gewählt. Und ich halte es auch nicht für ein Kennerspiel, keine Ahnung, wie die Jury zu dieser Einschätzung gekommen ist. Orléans war ebenfalls nominiert, das empfinde ich persönlich als wesentlich passender für die Kategorie und den Preis.

In Punkten lande ich ungefähr bei 4/10, was heißen soll: Ich werde mich dagegen wehren, dass es nochmal auf den Tisch kommt, mindestens meckern und ein fieses Gesicht ziehen, und ich spiele es höchstens zur Not mit, wenn alle anderen unbedingt wollen, aber ohne große Erwartungen oder Vorfreude.

Was selbstverständlich nicht heißen soll, dass es als Spiel nicht funktioniert. Es funktioniert nur nicht für mich. Der Kernmechanismus mag in manchen Runden für große Emotionen und grandiose, schon fast zitierfähige Erinnerungen sorgen, im Sinne von „Erinnerst du dich noch, wie ich damals… Nein! Ich bin die mutige Waldhexe! Haha, war das toll.“ Es sei euch vergönnt, aber mich lässt es kalt.

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4 Gedanken zu “Angespielt – Broom Service

  1. […] Das Spiel ist Ameritrash pur. Glücksabhängig, unausgewogen bis zur Albernheit, aber auf der erzählerischen Seite sehr stark. Es macht schlicht Spaß, die Intrigen auszuspielen, den Mitspielern fiese Karten um die Ohren zu hauen, immense Summen an Gold anzuhäufen, Gladiatoren ineinanderzuschieben und mit großen Mengen Würfeln aufeinander herumzudreschen… Das ist aber wohl eher was für Jungs, die anwesende Dame hatte ähnlich viel Spaß wie ich mit Broom Service.😉 […]

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