Angespielt – Spartacus

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Bildquelle: Heidelberger Spieleverlag

Gleich vorneweg: Ich halte die Serie, auf der das Spiel basiert, für ekelhaften Schmutz. Eine Mischung aus bluttriefendem Gewaltporno und möglichst viel Nacktheit, gekleidet in eine dämliche Rahmenhandlung mit fürchterlichen Schauspielern. Unterste Schublade.

Was für eine Serie gilt, muss aber nicht für ein Lizenzbrettspiel gelten. Kampfstern Galactica halte ich zum Beispiel auch eher für Käse, das Brettspiel dazu gilt aber gemeinhin als einer der besten Einträge der Kategorie „Koop mit Verräter“ aller Zeiten.

Und das Setting der Serie funktioniert als Grundlage für ein Brettspiel einfach wunderbar: Wir leiten eine dekadente römische Familie, intrigieren gegeneinander, streben nach Gold und Ruhm und lassen unsere Gladiatoren gegeneinander antreten. Das hört sich für mich großartig an. Sowas will ich gerne spielen.


Wie funktioniert es?

Vier Familien stehen zur Auswahl, die sich durch spezielle Fähigkeiten und ihr Startkapital an Gold, Sklaven und Gladiatoren unterscheiden.Wir wählen eine davon aus und setzen unseren Einflussmarker auf eine Leiste, auf eins bis sieben, je nachdem, wie viele Stunden wir spielen möchten. Dann spielen wir Spielzüge aus je drei Phasen, bis ein Spieler am Ende einer Phase seinen Einfluss auf zwölf erhöht und damit höchstvermutlich gewonnen hat.

  • Intrigenphase: Jeder Spieler erhält drei Karten mit fiesem Zeug darauf, das ihm nutzt oder anderen schadet. Er kann diese Karten nur ausspielen, wenn er ausreichend Einfluss hat. Er darf aber Mitspieler anbetteln oder bezahlen, damit sie ihm ihren Einfluss ausleihen.
  • Marktphase: Nacheinander werden in blinder Auktion neue Gladiatoren, Sklaven (Rohstoffe), Ausrüstung wie Schwerter und Schilde versteigert… und das Recht, die nächsten Spiele austragen zu dürfen. Außerdem können die Spieler hier ihren Besitz zu Gold machen, falls sie knapp bei Kasse sind.
  • Arenaphase: Der Gastgeber lädt zwei Spieler ein, Gladiatoren zu stellen. Gerne auch sich selbst, denn dem Gewinner winkt Einfluss und seinem Gladiatoren Ruhm und Ehre. Das ist ein „Spiel im Spiel“ mit vielen Würfeln, das ein paar Minuten dauern kann, zusätzlich dürfen alle Spieler Gold auf den Ausgang wetten.

Über das gesamte Spiel hinweg gilt: So gut wie alles ist verhandelbar, stets darf man Gold und sonstige Güter für irgendwelche Vorteile bieten. Ich geb dir drei Gold, wenn du mir mit dieser Intrigenkarte hilfst… Haha, du Trottel, die richtet sich gegen dich. – Lässt du meinen besiegten Gladiatoren bitte leben? Ich helfe dir dafür bestimmt auch in der nächsten Intrigenphase. Bitte? Bitte! – Brauchst du diesen Sklaven noch? Hier, ich biete dir vier Gold.

Sowas in der Art eben.


Wie spielt sich das?

Ich hatte zuvor ein wenig Bedenken, dass Spartacus völlig ausartet, wie etwa Junta. Wenn man über so gut wie jeden Schritt streiten darf, und diese Verhandlungen auch noch sehr frei und ungeleitet sind, kann es gerne mal passieren, dass die Spielzeit ins Extreme aufgeblasen wird. Das war bei uns aber nicht der Fall, die meisten Aktionen wurden kurz und geradlinig heruntergespielt.

Das Spiel ist Ameritrash pur. Glücksabhängig, unausgewogen bis zur Albernheit, aber auf der erzählerischen Seite sehr stark. Es macht schlicht Spaß, die Intrigen auszuspielen, den Mitspielern fiese Karten um die Ohren zu hauen, immense Summen an Gold anzuhäufen, Gladiatoren ineinanderzuschieben und mit großen Mengen Würfeln aufeinander herumzudreschen… Das ist aber wohl eher was für Jungs, die anwesende Dame hatte ähnlich viel Spaß wie ich mit Broom Service. 😉

Prinzipiell funktioniert es, wie es soll. Spartacus ist kein allzu cleveres Spiel, aber ein sehr unterhaltsames. Die Regeln, sofern es welche gibt, sind einfach und eingängig, das Spielziel ist offensichtlich, und ich fühlte mich pudelwohl als fieser Dominus. Das Kampfspiel am Ende jeder Runde ist auch ganz lustig, die Kämpfer waren meistens voll dabei und die Unbeteiligten auch nicht ganz uninteressiert, immerhin hatten sie meist Gold auf den Ausgang gewettet. Kurzum, ich fühlte mich sehr unterhalten.

Ich denke, wenn Spartacus einen dauerhaften Platz in meiner Sammlung finden will, müsste ich aber ein paar Kleinigkeiten hausregeln: einige der eher übertrieben wirkenden Intrigenkarten aussortieren, irgendeinen Mechanismus finden, dass man nicht durch reines Kartenglück absurd viele Siegpunkte oder Goldmünzen in einer Phase einfahren kann, die Start- und Siegbedingungen ein bisschen besser abstimmen… Das sollte aber kein Problem sein.

Das war der positive Teil, kommen wir zum Material: Ja, es liegen vier nette Plastikgladiatoren bei. Ja, Fotos auf dem Spielmaterial gehören bei Lizenzspielen irgendwie dazu, auch wenn ich persönlich stets Zeichnungen bevorzuge. Ja, die Spielertableaus, Marker und das Spielbrett sind aus schön dicker Pappe. Aber das Spiel sieht meiner Meinung nach erstmal richtig scheiße aus. Die Layouts und Fonts sind hässlich, die Grafiken wirken billig, das sieht aus wie hingerotzt.

Und die deutsche Übersetzung des Heidelberger Spieleverlags ist unter aller Kanone. Durch das gesamte Spielmaterial, Boards, Karten und Regel, ziehen sich peinlichste Rechtschreib- und Grammatikfehler, das erinnert an die Speisekarten beim Asiaten um die Ecke, wobei es da noch irgendwie Charme hat. Hier ist es einfach nur schäbig. Teilweise fehlen auf den Spielkarten gar ganze Zeilen, weil das Textfenster in Photoshop wohl zu klein gewählt war oder so. Sowas darf einfach nicht passieren.


Bewertung

Material: 1-2/10. Viel schlechter geht es nicht. Lediglich die Plastikfiguren sind recht hübsch.

Spiel: 5/10. Spartacus ist ein fieses Spiel mit großem Unterhaltungswert. Ich mag das generelle Spielprinzip, die Verhandlungen sind gerade so weit durch die Mechanik moderiert, dass es nicht ausartet, bieten aber schöne Freiheiten. Es ist halt alles etwas unausgegoren, daher eher eine mittelprächtige Note.

Mir fehlt ein Titel dieser Art – purer, reiner Beer&Pretzl Ameritrash – in der Sammlung, also darf Spartacus erstmal bleiben. Das heißt aber nicht, dass ich eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen würde. Die Zielgruppe ist ohnehin klar, wer sich von sowas nicht angesprochen fühlt, lässt schon von alleine die Finger davon.

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