Die Wutbürger und das Kennerspiel des Jahres

Jedes Jahr schäumen die Gemüter, nachdem die Jury ihre Entscheidung verkündet hat.

Letztes Jahr war es eine Frechheit, ein Spiel namens Codenames zu prämieren, das sicher die eine oder andere Familie überfordern kann. Noch schlimmer im Kennerbereich, wie kann ein schönes, aber irgendwie auch herkömmliches Spiel wie Isle of Skye gegen die so unglaublich „innovativen“ Spielkonzepte von Pandemic Legacy und Time Stories gewinnen? Das muss doch Schiebung gewesen sein, jawoll!

Dieses Jahr kam wieder eine ganze Menge zusammen. Es ist ein bunter Cocktail aus Fallstricken, zum Beispiel, dass…

  • …der David Schwerkraftverlag mit gleich zwei nominierten Titeln gegen den Goliath Kosmos stand.
  • …der Preis immer noch „Kennerspiel“ heißt, uns Vielspieler aber überhaupt nicht ansprechen will, geschweige denn in die Entscheidung mit einbezieht.
  • …der Preis „Spiel des Jahres“ heißt, aber eigentlich gar nicht unbedingt das beste, schönste oder beliebteste Spiel auszeichnen will, sondern dasjenige, das „möglichst vielen Menschen das Kulturgut Spiel nahebringt“ (Quelle).
  • …ein „Einmalspiel“ Preisträger wurde, und das in Zeiten des Klimawandels.
  • …ein absolutes Hypespiel nominiert wurde, aber nicht gewonnen hat.
  • …ein eher einfaches Spiel zusammen mit einem komplexen Expertenspiel in einer Kategorie landete.

Ja, es ist nicht immer einfach, die Entscheidungen der Jury nachzuvollziehen. Ja, ich hätte vermutlich auch anders entschieden. Wer mit seinem Herzen dabei ist, darf natürlich ein bisschen enttäuscht sein. Aber beleidigend und ausfallend werden, Verschwörungstheorien aufstellen, wildes Wutbürgern? Muss das wirklich sein?


Hier ein paar meiner Lieblingsauszüge… Ich habe sie natürlich anonymisiert, aber sie stehen halböffentlich (in Gruppen mit mehreren tausend Mitgliedern) auf Facebook.

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Nur Verkaufen? Anzünden!
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Eine Schmach? Eine Schande!
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Die müssen es gewesen sein.
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„Ein schlechter Witz“ „Ein Schlag ins Gesicht“
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Hier hat jemand rausgefunden, was das Kerngeschäft eines Verlages ist. Glückwünsche dafür, und ganz am Rande: die Exit Rooms haben das Konzept auch nur adaptiert, nicht erfunden.
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„fernab von der Realität“ … „grauenvoll“
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„Abfallprodukt“ „Ein Affront“ „unprofessionell“ „bedeutungslos“ … geht’s noch?
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Hier mal eine hübsche kleine Verschwörungstheorie… Klar, ist wie bei der Fifa. All die Koffer voller Geld. Ich will auch in diese Jury.
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Gott sei dank habe ich nur einen von der Sorte gefunden, der auch noch das patriotische Fass aufmachen muss. Covfefe!

Ach ja: Herzlichen Glückwunsch an Inka und Markus Brand, herzlichen Glückwunsch an den Kosmosverlag!

…und natürlich auch an Carsten von Schwerkraft. Die Nominierungen alleine werden vermutlich schon ordentlich das Geschäft ankurbeln, falls das Spiel sowas überhaupt noch nötig hat… und außerdem gibt es ja noch den deutschen Spielepreis, nach basisdemokratischem Volksentscheid kann Terraforming Mars ja fast nur gewinnen. 😉

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13 Gedanken zu “Die Wutbürger und das Kennerspiel des Jahres

  1. „deutsche Autoren gegen ausländische“ … genau, deshalb hat auch beim roten Pöppel der deutsche Autor Reiner Knizia gegen die beiden ausländischen Autoren gewonnen! – Huch, hat er ja gar nicht … 😉

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  2. Lieber Peter,
    ich mag nicht derart plump wie die von Dir zitierten Kommentatoren kritisiern, möchte der allgemeinen Kritik, die Du in diesem Artikel äußerst aber entschieden widersprechen.
    Ich gehöre nämlich zur Mimimi-Fraktion. Ich kann mit Kingdomino sehr gut leben, finde tatsächlich auch, dass das ein gutes Spiel ist. Auch Codenames konnte ich nachvollziehen, auch wenn ich es niemals auf den Tisch brächte, so nicht 50% echte Nichtspieler am Tisch sitzen. Aber das ist ja der Anspruch des „Spiel des Jahres e.V.“: Das Kulturgut (das offiziell übrigens keines ist) Spiel einer möglichst breiten Öffentlichkeit näher zu bringen. Chapeau! Codenames war super für diesen Zweck.
    Aber: “ Zudem beweist der Erfolg, den ein „Spiel des Jahres“ in der Regel erzielt, dass sich Qualität auch wirtschaftlich lohnt.“ Zitat Spiel des Jahres e.V. (http://spieldesjahres.com/de/sinn-und-zweck). Ist dem so? Nein. Alles, was das beweist, ist, dass sich der Pöppel verkauft, sonst gar nichts. Gab ja genug Preisträger von mangelnder Qualität, die sich nach der Auszeichnung einigermaßen gut verkauften (Mississippi Queen, ayone?).
    „sie [Die Spiele des Jahres] sollen möglichst viele Menschen vom Wert des Kultur- und Freizeitmediums Spiel überzeugen“ sagt der e.V. Okay, machen wir. Immerhin wollen wir das ja alle. ABER: Was definiert der Verein als Kenner? Wissen wir nicht. Keine Aussage dazu. Also müssen wir Rückschlüsse ziehen.
    Wenn das „Spiel des Jahres“ die vom Verein genannten Kriterien erfüllt, dann brauchts kein Kennerspiel. Es sei denn, Kenner meint, dass man schon das ein oder andere Spiel besitzt und sich von Titeln wie Splendor oder Hanabi (SdJ) oder Kingdom Builder (SdJ) unterfordert fühlt, wenn es darum geht, etwas Neues zu erfahren / zu erlernen.
    Hilft Exit da weiter? Mitnichten! Exit kann jeder Hans und Franz auspacken und losspielen! Warum also Kennerspiel? Da der Verein „Kennerspiel“ nie definiert hat (jedenfalls nicht nachlesbar), dennoch aber diese Kategorie vergibt, finde ich sowohl die Fragen als auch die Kritik berechtigt.
    Klar, ich gönne sowohl KOSMOS als auch den Brandts die zusätzlichen Verkäufe, aber mir als „Kenner“ erscheint die Wahl mehr als fragwürdig.
    Und ohne irgendweche Verschwörungstheoritiker unterstützen zu wollen:
    Kann es sein, dass KOSMOS es sich halt leisten mag? Ich weiß nicht, was der Pöppel kostet, aber ich kenne die Preise für „Bioland“, „Demeter“, „Fair Trade“, „G.O.T.S.“ und andere Labels. Das wird hier nicht anders sein. Das muss man sich halt leisten wollen. Und seien wir ehrlich: Terraforming Mars ist kein Catan. Das sich die Investition damals gelohnt hat, steht außer Frage. Auch wenn das 1995 sicher keiner in dem Ausmaß hat kommen sehen.

    Am Ende bleibt zu sagen, dass 2 Kennerspiele und Exit nominiert waren. Wie es ausgegangen ist wissen wir alle. Was nicht heißen will, dass man das als Affront, Schande oder Schlag ins Gesicht bezeichnen sollte.

    Ich finde, Du machst es Dir hier zu leicht. (Wobei ich nachvollziehen kann, dass der Trend, Social-Media-Kommentare zu kommentieren verlockend ist)

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      • Ich nehme einfach mal an, die Jury ist der Meinung, dass es – vong Niveau her (nicht die Regeln, sondern die Rätsel) – ein bisschen über dem roten Pöppel steht. Muss man nicht nachvollziehen können, darf man kritisieren, nur macht der Ton die Musik.

        So richtig auffällig ist das in diesem Jahr ohnehin nur, weil mit „Terraforming Mars“ ein absoluter Brecher nominiert war, der eigentlich genausowenig auf dieser Liste verloren hat.

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      • Rätsel klar, ich dachte aber immer, es ginge um den regeltechnischen/mechanischen Aufwand. Und da finde ich das Fehl am Platz. Aber klar, deshalb Herrn Felbers Auto anzünden zu wollen ist Quark.
        Mit TM würde ich Dir zustimmen, das ist nochmal was anderes als 7 Wonders oder Village.

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      • Zitat Tom Felber: „Da solche Rätselspiele ein gewisses Maß an Erfahrung voraussetzen, war es für uns klar, dass sie in unsere anthrazitfarbene Kategorie gehören.“
        …vielleicht willst du jetzt doch sein Auto anzünden. 😉

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    • Nun ich denke Exit verlangt von Spielern schon etwas mehr, um sich darauf einzulassen – immerhin liegt auch die Spieldauer z.T. über einer Stunde und man muss sich zum Teil schon sehr konzentrieren, um erfolgreich zu sein. Es erfordert auch eine gewisse Frusttoleranz.
      Aber ich nehme eben auch an, dass es knapp war – und die Grenzen zwischen Kennerspiel und „normalem Spiel des Jahres“ sind in der Vergangenheit schon recht fließend gewesen. Da gibt es keine allgemeingültige Definition außer „Die Jury einigt sich, wozu es gehört“.

      Den Teil mit „Bioland“ verstehe ich nicht. Der Pöppel kostet eine kleine prozentuale Abgabe und ist optional. Wenn es dem SdJ-Verein um die Lizenzgebühren gegangen wäre, hätte beim Hauptpreis eher Ravensburger gewonnen und letztes Jahr definitiv eines der beiden Asmodee-Spiele. Das Kosmos gegen den „kleinen“ Verlag bessere Einnahmen verspricht und deshalb gewonnen hat – diese Theorie übersteht schlicht nicht die ganzen Entscheidungen der letzten Jahren, bei denen die kleinen gewonnen haben. Jetzt halt mal Kosmos – das ist Zufall (wenn immer die kleinen gewinnen, wäre das auch eine Verschwörung 😉 )

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      • Der Bioland-Teil bezieht sich darauf, dass das mitnichten optional ist. Klar, musst Du nicht machen, aber nominierte haben wir in unserem Fachgeschäft in Freiburg ein paar mehr verkauft pro Saison, Sieger automatisch hoch dreistellig. Das ist absurd, wie viele Schachteln über den Tisch gehen, nur weil der Pöppel draufgedruckt ist. Tatsächlich völlig ungeachtet dessen, was drin ist.
        Ökonomisch besteht die Option nicht. Ebensowenig wie bei den Bio- und Fairtrade-Labels, da kenne ich mich leider halbwegs mit aus.

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  3. Danke für die Zusammenstellung. Am besten finde ich ja den ersten Kommentar, schon weil er nicht verstanden hat, dass jeder (!!!!) einfach so einen Preis ins Leben rufen kann. Und mit ein paar Kumpels, kann das sogar ein „Toller Spielepreis“-Verein sein.

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  4. Danke für diesen Zusammenschnitt 🙂
    Worüber sich Leute so aufregen können…herrje … Ich wäre neugierig ob es finanziell wichtig ist, ob das Spiel den Preis tatsächlich gewinnt oder ob eine Nominierung eine ähnliche Wirkung hat. Mein Wenigspielerkreis kennt da meistens keinen Unterschied. Logo drauf? Wird schon passen …

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    • „Nominiert zum…“ wird vom Händler (Groß- wie Einzel-) halt ganz anders platziert als der Gewinner. Das macht einen Riesenunterschied.
      Und Du willst gar nicht wissen, wie viele Kunden ich hatte, die in den Laden kamen und gefragt haben:
      „Was ist denn dieses Jahr das Spiel?“ Dass wir mehr als 2000 andere Artikel im Laden haben, interessiert die gar nicht und das sind die, die die Ladenmiete in der Innenstadt finanzieren, das machen nicht wir „Spezis“.

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