Angespielt – Inis

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Bildquelle: BGG

Ich war, nachdem ich dieses Titelbild gesehen hatte, sofort fasziniert. Dieser handgemalte Comicstil ist irgendwie anders, als man es von modernen Brettspielen gewohnt ist. Anders, aber hübsch. Und dahinter sollte der Nachfolger von Kemet stehen, las ich weiter. Spätestens damit waren meine Ohren gespitzt und meine Neugierde geweckt.


Wie funktioniert das?

Inis ist ein Area Control Spiel auf einer stetig wachsenden Karte aus Ländern, auf denen wir (neutrale!) Dörfer und Burgen bauen und (eigene) Figürchen ausheben und herumschieben können. Wir spielen so lange, bis ein Spieler mit seinen Clans in sechs Ländern vertreten ist, oder in Ländern mit sechs Dörfern, oder sechs fremde Figürchen mehrheitentechnisch dominiert. Und zusätzlich über eine spezielle Aktion angekündigt hat, dass er gewinnen möchte. Dann kann er sich – nicht allzu überraschend – sicher sein, dass die anderen Spieler alles tun werden, ihm den Sieg doch noch zunichte zu machen.

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Bildquelle: BGG

Gespielt wird über Aktionskarten, die mehrfach gedraftet werden, sprich: Stapel ankucken, eine rausfischen, Rest weiterreichen. Da steht dann alles mögliche drauf, meist mit diversen Bedinungen: Stelle Figürchen in Länder, bewege Figürchen hierhin oder dorthin, nimm dir Spezialkarten, baue Burgen oder Dörfer, lege ein neues Landkartenteil an, und so weiter. Jeder bekommt vier davon, die spielen wir reihum aus, und wenn alle Spieler gepasst haben, geht es wieder von vorne los, bis jemand erfolgreich seine Siegabsichten umsetzen konnte.

Ungewohnt ist vor allem das Kämpfen: Alles ist erstmal neutral, niemandem „gehört“ eine Burg oder ein Land. Und ziehe ich mit meinen Figuren zu gegnerischen, können wir kämpfen, müssen es aber nicht. Wir können uns auch miteinander arrangieren. Und wenn wir doch kämpfen, tun wir das nicht unbedingt bis zum bitteren Ende, wir können uns mittendrin einigen, dass es jetzt irgendwie gut ist. So richtig hauen tun wir uns eh nicht. Man kann auch in Nachbarländer abwandern, oder seine Verluste zur Not mit Handkarten statt mit Figürchen bezahlen. Es geht nicht primär darum, dass wir uns niedernüppeln, sondern eben darum, eine der drei Siegbedingungen anzustreben.


Wie fühlt sich das an?

Kurz: Ich mag’s nicht besonders.

Ich versuche mal, das an einer Reihe von Punkten festzumachen. Diese sind wie immer rein subjektiv zu verstehen, ich akzeptiere auch gerne, wenn jemand das Spiel aus genau denselben Gründen mag, aus denen ich es ablehne. Es sei ihm vergönnt.

Mir fehlt das Gefühl, irgendetwas aufzubauen. Deine Krieger haben jetzt coole Schilde. Tolle Speere. Mächtige Anführer. Deine Burgen haben dickere Mauern. Du bekommst jetzt mehr Gold als die anderen. Irgend sowas. Nichts davon gibt es in Inis. Die Aktionskarten sind von Anfang bis Ende dieselben, und auch die diversen Zusatzkarten, die man hin und wieder erhält, sind als Einmalaktionen nicht wirklich dauerhaft, wie ich es mir wünschen würde. Ich las bei Udo Bartsch, der Deutsche baue im Brettspiel gerne auf. Vielleicht bin ich also doch deutscher, als ich dachte.

Ich mag das Kampfsystem überhaupt nicht. Es langweilt mich. Wenn ich kämpfe, sollen die Fetzen fliegen. Wir hauen uns gegenseitig Würfel oder Karten um die Ohren, erleben epische Momente, packen haufenweise Figuren vom Tisch… Hier sieht ein Schlagabtausch eher so aus: Ich schiebe sechs Männchen zu deinen fünf. – Ich ziehe einen in die Festung zurück (du kannst mich also schonmal nicht vertreiben), und einen ins Nachbarland. Jetzt ich. Na gut, ich ziehe auch einen zurück. – Ich auch. – Ich auch. Fertig „gekämpft“? – Fertig „gekämpft“, lassen wir es gut sein. Spielmechanisch macht das alles Sinn, es geht hier nur um Mehrheitsverhältnisse. Aber es fühlt sich für mich falsch an, es lässt mich völlig kalt.

Ich mag den Draft/die Aktionskarten nicht. Die Karten sind teilweise sehr situativ formuliert, und es kann gerne mal passieren, dass man aufgrund äußerer Umstände mit 10 von 17 Karten nichts wirklich sinnvolles anstellen kann. Draften muss man sie trotzdem, und ausspielen muss man sie auch. Das ist dann nicht unfair, selbst schuld und so, aber es fühlt sich halt doof an. Wäre das wirklich ein schlechteres Spiel, wenn es diese Karten nicht gäbe, und ich in meinem Zug einfach eine aus drei bis fünf Aktionen auswählen dürfte?

Das Thema erreicht mich nicht so recht. Zwar ist das Material mit seinen Karten, Figürchen und Illustrationen recht hübsch, im Spiel selbst fehlt mir aber die Atmosphäre, Inis ist eher ein „abstraktes Rumgebastel“. Ich jage halt irgendwie den Siegbedingungen hinterher, aber ohne das Gefühl, dass ich mich tatsächlich unter Kelten befinde.

Ach ja: Ich mag die Siegbedingungen nicht. Solche statischen Schranken führen gerne mal zu Jetzt alle gegen den, damit der bloß nicht gewinnt, was die Partien dann gehörig in die Länge ziehen kann, ohne irgendeinen Mehrgewinn.


Fazit

In Punkten wäre ich nach anderhalb Partien bei einer ungefähren 4/10. Das zweite Spiel wurde aus Unlust abgebrochen, da kann ich einfach nicht allzu viele Punkte geben, auch wenn es vermutlich ein funktionierendes Spiel ist, das sicher auch irgendwie den einen oder anderen begeistern wird.

Blood Rage ist eigentlich auch ein eher abstraktes Spiel, und wir draften auch. Aber wir draften cooleren Krams, und der Spagat zwischen Eurogame und Ameritrash gelingt, es fühlt sich viel wilder, kriegerischer, epischer an. Der Vorgänger Kemet, diese herrlich kurzweilige Schlachtenorgie, ist für mich aber ebenfalls viel spannender. Wer eines dieser beiden großartigen Spiele besitzt, braucht sich mit Inis meiner Meinung nach nicht aufhalten.

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9 Gedanken zu “Angespielt – Inis

  1. Hallo Peter,

    vielen Dank für den Review. Wir hatten das Spiel auf dem Schirm, aber ich gehe davon aus, daß uns einige dieser Punkte auch nicht gefallen würden – insbesondere das Kampfsystem und die Gefahr unnützer Karten auf der Hand.

    Liebe Grüße
    Steffen & die Würfelwerfer

    Gefällt 1 Person

  2. Ich finde man sollte sich auf Spiele mehr einlassen! Wenn man in einen FIlm geht und vorher schon fixe Vorstellungen hat wie er ausgehen soll wird man vermutlich auch enttäuscht sein …
    Ich kann INIS (ebenso Scythe) sehr viel Lob geben!

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    • Ich kann mit den Spielinhalten einfach nichts anfangen. Ich finde „bash the leader“ zeitraubend und nervtötend, und das scheint ja irgendwie der Kern des Spiel zu sein.
      Ansonsten siehe oben: Ich akzeptiere auch gerne, wenn jemand das Spiel aus genau denselben Gründen mag, aus denen ich es ablehne. Es sei ihm vergönnt. 🙂

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  3. Vier Wochen lang,

    habe ich INIS im Spielcafe der Facebookgruppe „Brettspiele(n) in Köln, immer nur am Nachbartisch gesehen und die Spieler waren stets begeistert. Leicht zu erlernen, taktisch gute Mechaniken, draften mit nur vier Karten und selbst als ich von all dem noch nichts wusste, und immer nur mal rüber schielte, sah ich erst mal das tolle Spielmaterial, das tolle Artwork und Qualität der Tiles.

    Ich wollte es immer mal spielen und diesmal wars soweit. Regeln rein, ging flott, und schon war man im Spiel. Das Spiel war in den vorherigen Runden geilo und in meiner ebenso Will ich haben, muss ich kaufen!

    Also Rezensionen lesen, und finde zuerst die hier von Peter und bin überrascht. Peters Eindruck vom Spiel ist genau diametral zu meinem. Das ist in keinsterweise wertend gemeint, aber ich finde es erwähneswert, denn Peters Blog und seine Rezensionen sind qualitativ hochwertig. Und Spielautor und Künstler ist er auch noch, Peter, Du als Kölner, wann kommst Du uns mal im kölner Spielcafe besuchen? 🙂

    Peter schreibt auf seiner Seite:
    „Ich bekomme keine Rezensionsexemplare, muss kein Geld mit dieser Seite verdienen und bin auch sonst völlig unabhängig, daher kann ich schreiben, was ich will, insbesondere auch über Spiele meckern, die mir nicht gefallen haben. Wer damit nicht klar kommt oder möchte, dass die kritisierten Spiele zu Tode getestet und möglichst objektiv bewertet wurden, wird sicher auf einer der drölfzigtausend anderen Brettspieleseiten fündig werden. Ich bin aber natürlich offen für Diskussionen, nutzt die Kommentarfunktion so viel ihr wollt.“

    Also ein Mensch nach meinem Geschmack, und wir haben bei Inis nicht den gleichen Geschmack!

    Peter schrieb „Ich war, nachdem ich dieses Titelbild gesehen hatte, sofort fasziniert. Dieser handgemalte Comicstil ist irgendwie anders, als man es von modernen Brettspielen gewohnt ist. Anders, aber hübsch.“
    Mir ging es zum Glück genau andersherum. Ich sah zuerst das hübsche Artwork des bereits ausgepackten Spielmaterials, und erst als wir fertig waren mit spielen, fragte ich in welche Schachtel es denn eingepackt gehört. Als ich das Cover von Inis sah, sagte ich sofort:

    „Waaaaas, so ein hässliches 80er Jahre Cover für solch ein geiles Artwork beim Spielmaterial?“

    Der Artist soll nicht nur anerkannt sein, was diese zum Spielthema gehörende Epoche der Kelten gehört, er soll auch derjenige sein, der das weltberühmte „Che Guevara“ Bild gemalt hat. Respekt!

    Mir gefält das Cover von INIS trotzdem nicht.

    Im Ernst, nimmt man viele Spiele der letzten 20 Jahre in die Hand, legt man INIS sofort wieder weg, weil der Ersteindruck des Covers nicht mal zum lesen der Rückseite einlädt, worum es bei dem Spiel gehen könnte.

    Peter kommt auch beim Inhalt der Schachtel zu einem völlig anderen Spielgefühl als ich. Er mag es nicht, ich mochte es sofort. Peter kritisiert am Spiel genau das, was ich mag, zB die Kämpfe, dass man nicht erst was aufbaut, das drafting und die Aktionskarten.

    Peter gesteht es anderen aber auch zu es zu mögen, also darf er es ebenso nicht mögen. 🙂

    Bei den kämpfen wird nicht glückslastig gewürfelt, es wird mit jeder einzelnen wichtigen Einheit und den Karten taktiert und folgenschwere Entscheidungen getroffen.

    Peter schrieb, das man von „10 von 17 Karten nichts wirklich sinnvolles anstellen kann“, das war bei mir nie so. Es gibt sogar geile Kombos aus Karten wo man mit nur einer Figur einen Kampf allein gegen eine Übermacht gewinnen kann. Außerdem braucht man „unpassende“ Karten ganz dringend zum abwerfen, als Ersatz für eine verlorene Einheit.

    Peter „mag die Siegbedingungen nicht“. Ich finde sie sind eines der Stärken des Spieles, den man spielt nicht nur auf „Wer mehr hat gewinnt“ sondern kann seine Karten, seine Taktik auf seine gebiete und Einheiten auslegen, und muss diese evtl. anpassen, spielt aber nicht solitär allein für sich, sondern muss gleichzeitig auch noch die unterschiedlichen möglichen Siegbedingungen der Mitspieler im Blick behalten.

    Peter gibt dem Spiel nur 4/10 Punkten, bei BGG haben über 2.300 Spieler dem Spiel eine 7,8/10 Punkten gegeben. Von mir bekommt es eine glatte 8.

    Peter schließt ab damit, das „Blood Rage“ ein ähnliches Spiel, aber mit viel coolerem Kram sei“.

    Yep – da sind wir uns wieder völlig einig!

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    • Hallo Michael!
      Brettspiele sind (zum Glück) Geschmackssache.

      Dass ich diese speziellen Siegbedingungen nicht mag, liegt daran, dass sie das Spiel theoretisch unendlich in die Länge ziehen können. Ähnlich wie bei Munchkin (das wird auch gleichermaßen geliebt und gehasst) werden sich immer wieder Spieler zum Sieger erklären, dann von den Mitspielern niedergeworfen, und dann geht es wieder von vorne los, bis zum St. Nimmerleinstag. In einer Partie bei uns hatte ein Spieler sogar bewusst den „Königsmacher“ gegeben, also einen Sieg absichtlich nicht verhindert, nur damit es endlich vorbei ist… und das ist nie ein gutes Zeichen.

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