Angespielt – Die holde Isolde

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Bildquelle: Boardgamegeek

Um das Herz der holden Isolde zu erobern, müssen wir unser Talent auf vielerlei Ebenen beweisen… obwohl, eigentlich auch nicht. Lanzenstechen, studieren, Demut zeigen, beim König schleimen oder einen Drachen vermoppen, das funktioniert ja glücklicherweise alles auf die gleiche Weise. Mit hohen Karten der passenden Farben.


Wie funktioniert es?

Kern des Spiels ist der Draft: Jeder erhält fünf zufällige Karten, behält eine, gibt vier weiter und erhält die vier verschmähten Karten seines Nachbarn, behält wieder eine, gibt wieder weiter, bis reihum nur noch eine einzelne Karte weitergereicht wird, dann ist die Auswahl natürlich nicht mehr so groß.

Und um was draften wir? Um verschiedenfarbige Karten mit den Zahlenwerten von 2 bis 5, für die verschiedenen Disziplinen der Jungfrauenbelustigung.

Diese spielen wir dann reihum aus, rücken auf den der Farbe entsprechenden Skalen die entsprechende Anzahl Schritte vorwärts, und dafür bekommen wir dann immer mal wieder Siegpunkte. Je nach Disziplin fallen die unterschiedlich hoch aus oder werden unterschiedlich oft gewertet, mal gibt es Minuspunkte für den letzten statt Bonuspunkte für den ersten, mal geht es dann doch nicht darum, erster zu sein, sondern nur eine gewisse Schwelle zu überschreiten. Aber letztlich ist das alles ungefähr dasselbe.

Sechsmal wird gedraftet, sechsmal rücken wir unsere Spielsteine auf den Leisten hervor, werten die Ergebnisse unseres Strebens, und wer die meisten Punkte erzielt, gewinnt die Trophäenfrau. Anita Sarkeesian, schau hier bloß nicht hin! 😉

Zwei kleine Kniffe gibt es noch: Zum einen gewinnt beim Unentschieden auf den Leisten der zweite, es gilt also, zumindest ein bisschen die Karten zu memorisieren und auf die Reihenfolge zu achten. Zum anderen bringt die Flirtleiste keine direkten Punkte, sondern zusätzliche Schritte auf den anderen Leisten, was öfters mal das sprichwörtliche Zünglein an der Waage bedeuten kann.

Und ein paar kleinere Spielvarianten sind enthalten, auf die ich jetzt aber nicht eingehen will.


Macht das Spaß?

Nach Lästern – Das Spiel nun also Draften – das Spiel.

Draften ist ein gerne genutztes Hilfsmittel, das sich immer mehr Beliebtheit erfreut, denn es bringt den Vorteil, dass die Karten fairer verteilt werden, das reine Glück wird ein stückweit abgeschwächt. Und nebenher gewährt es den Spielern einen ungefähren Eindruck davon, welche Karten überhaupt im Umlauf sind.

„Normalerweise“ hängt dann aber ein Spiel hintendran. Der Draft sorgt für Fairness und Planbarkeit, und dann geht es erst los, siehe zum Beispiel Blood Rage. Hier nicht. Was nach dem Karten beäugen und durchreichen kommt, ist ein reichlich simples „Punkte abgreifen“. Durch den Kopf geht hier nur ungefähr das folgende:

  • Welchen Wettbewerb will ich gewinnen?
  • Welchen kann ich gewinnen, also: Geben die Karten das her?
  • Welchen Vorsprung muss ich verteidigen, was für Karten sind im Umlauf?

Daraus folgt dann die etwas stumpfe Entscheidung, traditionell zu hohen Zahlenwerten zu greifen, außer sie interessieren nicht besonders, weil chancenlos hinten oder uneinholbar weit vorne. Dann werden die reihum ausgespielt und damit wird überprüft, wer sich mehrfach die passendste Kartenhand zusammenschustern durfte. Und der gewinnt dann halt.

Material: Die comichaften Illustrationen mag ich sehr gerne, insbesondere die auf den Karten, die Bilder darauf geben witzig und anschaulich wieder, wie sehr sich der Bewerber in der jeweiligen Disziplin anstrengt. Dafür gehört der Mensch getadelt, der der Meinung war, hunderte winzigste Siegpunkteplättchen mit Dutzenden verschiedenen Zahlenwerten darauf wären eine gute Idee. Wenn wir eh schon nur Spielsteine auf Leisten rumschieben, warum nicht auch eine Siegpunkteleiste? Oder würde das dann nur noch mehr offenbaren, wie eindimensional und buchhalterisch Isolde tickt?


Wertung

Taugt Drafting als Hauptmechanik eines Spiels?

Für mich muss ich das verneinen. Als Hilfsmittel ist es genial, aber danach sollte mehr passieren als das, was hier geboten wird.

Warum die holde Isolde monatelang in diversen Foren als Kandidat für das Spiel des Jahres im Gespräch war, will sich mir nicht so recht erschließen. Für mich ist es ein relativ belangloser Absacker. Es tut nicht weh, es funktioniert, aber ich sehe den Reiz nicht so recht.

Wie drückt man das in Punkten aus? Wohl irgendwo in der Mitte… 5/10.

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8 Gedanken zu “Angespielt – Die holde Isolde

  1. Hallo Peter,

    Danke für den schönen Review. Bei uns landete die holde Isolde – und nicht nur aus Strafe für die grottige Titel-Übersetzung – schnell im Regal. So schlecht fand ich es zwar nicht, das könnte man noch mal auspacken. Da hat sich wieder mal ein kleiner Hype verbreitet.

    Nun aber alle zusammen: Blood Rage for Familienspiel des Jahres! 🙂

    Viele Grüße
    Steffen

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    • Ach ja, und danke für den Hinweis mit der Übersetzung. Dass man auf Englisch um den Ritterschlag, aber auf Deutsch um die Beutefrau spielt, wäre mir gar nicht aufgefallen. Hatte mich schon gewundert, warum die Siegpunkte in Form von Schildern (statt Herzchen) daherkommen.

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    • @Steffen
      Also ich finde den Namen eigentlich gelungen. Mittelalter Akademie hört sich für ein Familienspiel echt langweilig an 🙂
      Die holde Isolde hat schon etwas nicht ganz so ernstes mitschwingen.

      Zur Rezension selbst. Ich stimme dir in dem meisten Punkten zu. Für meinen Geschmack ist es auf Dauer zu seicht. (Schatzjäger hat das gleiche Problem). 7 Wonders dauert nicht länger und hat viel mehr interessante Entscheidungen und für einfaches Drafting spiel ich lieber Sushi Go.

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      • Vielleicht gibt es ja noch ein Mittelding zwischen genauer Übersetzung und dem etwas seltsamen Titel (nach meinem Empfinden).

        Die holde Akademie? Die mittelalterliche Isolde? Okay, ich kann man mit dem aktuellen Titel leben 🙂

        Dann schau ich mir doch mal Sushi Go an, das kenne ich noch nicht!

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      • @Andi
        Siehe meine zweite Antwort.

        Und: Die Aufgaben passen eigentlich wesentlich besser zu einer allgemeinen Ritterausbildung. Die ganze Breite wird abgedeckt. Mit „Gunst einer Jungfrau gewinnen“ haben die eher wenig zu tun.

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