Angespielt – Dominant Species

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Bildquelle: BGG

Die Eiszeit steht vor der Tür, die Nahrung wird immer knapper. Spinnen, auf zur Weltherrschaft! Zeigt den anderen Viechern, dass das vierte Beinpaar ein unschlagbarer Evolutionsvorteil ist!

Dominant Species ist eine Art Kriegsspiel in der Tierwelt. Über ausgedehntes Worker Placement gestalten wir das Spielbrett und steuern die Geschicke unserer Viecher: vermehrt euch, wandert, mutiert, fresst die anderen Tiere.

Gespielt wird vor allem um area control, und zwar sowohl qualitativ wie auch quantitativ, also: wer ist am besten angepasst, wer hat die meisten Tiere?

Vom Regelumfang her ist es kein richtiger Brocken, aber die Handlungsoptionen sind immens und ihre Konsequenzen wollen wohldurchdacht sein, so dass man schon den kompletten Spieleabend für eine einzige Partie veranschlagen kann.


 Wie funktioniert es?

Zunächst sucht sich jeder Spieler eine Klasse von Tieren aus – ich habe extra in einem Taxonomie-Artikel nachgelesen, welches Wort man da verwendet, und bin immer noch nicht sicher, ob das jetzt stimmt. Die unterscheiden sich in zweierlei Hinsicht: Zunächst einmal haben sie eine kleine Sonderregel, Vögel haben etwa eine größere Reichweite bei der Migration, während Spinnen mehr Tiere fressen können. Außerdem sind sie unterschiedlich groß, je fetter ein Viech, desto höher steht es in der Nahrungskette, die übernimmt die Rolle eines tie breakers, dafür sind die kleineren Tiere schneller und in der Zugreihenfolge zuerst dran.

Das Spielfeld besteht auf hexagonalen Gebieten, auf deren Ecken wir im Laufe des Spiels Nahrung platzieren oder entfernen. Wer am besten an diese Nahrung angepasst ist, dominiert das Gebiet, und wer am meisten Tierchen dort hat, erhält am meisten Siegpunkte in den diversen Wertungen. Dieses Prinzip muss erst einmal verinnerlicht werden, es ist völlig egal, wie viele Tiere man hat, wenn der andere besser angepasst ist, so ist er die Dominant Species, im Spiel markiert durch die kegelförmigen Spielsteine.

Über simples Worker Placement bestimmen wir nun reihum unsere Aktionen. Diese lassen sich grob einteilen in Herumpfuschereien an unseren Viechern und am Spielfeld selbst, es sind recht viele Aktionen, und ich will nicht zu sehr ins Detail gehen. Neue Gebiete und Nahrungsgrundlagen werden erschlossen, alte gehen verloren, und unsere Viecher vermehren sich, passen sich an, oder verdrängen sich mit einer Art „Kampfaktion“.

Siegpunkte sammelt man in erster Linie durch die Dominate-Aktion: Hier darf man ein Gebiet auswählen und werten, im Idealfall eines, wo die eigenen Viecher gerade zahlreich und alleine sind, denn andere Anwesende werden auch belohnt. Wer dort am meisten Getier hat, erhält die meisten Siegpunkte, wer das Gebiet dominiert, darf sich eine Ereigniskarte aussuchen, und die sind teilweise recht fies.

Sind all diese Karten aufgebraucht, folgt noch eine letzte große Wertung aller Gebiete, und dann wird der Sieger bestimmt.


Wie fühlt sich das an?

Spielmaterial

GMT befindet sich in der komfortablen Position, dass alle ihre Spiele zu Kultklassikern werden, egal wie sie aussehen. Das gilt leider auch hier: Die erste Edition von Dominant Species ist extrem minimalistisch gestaltet, mit ihren leeren, fast einfarbigen Feldern und simpelsten Skizzen auf den Karten wirkt sie wie ein Prototyp. Das wurde in nachfolgenden Generationen zwar geändert, aber nicht unbedingt verbessert, optisch gefallen mir auch die neuen Karten nicht besonders, vor allem die Rückseiten finde ich fürchterlich. Weil sowas aber natürlich Geschmackssache ist, hier ein Vergleichsbild:

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Bildquelle: BGG

Aber das soll uns nur bedingt stören, denn funktional ist das Design auf jeden Fall, und auch qualitativ gibt es nichts zu meckern: Passable Pappe und Holzsteinchen, alles gut.


Spielfluss

Das Spiel selbst besticht durch seine Vielzahl an Optionen, und ich war erstmal sehr glücklich darüber, dass jeder Spieler eine Erklärkarte vor sich liegen hat, auf der das gute Dutzend Aktionen in knappen Worten erläutert wird. Sonst wäre ich hoffnungslos verloren gewesen, und auch so musste ich immer wieder nachfragen und einige Male völlig nutzlose Aktionen zurücknehmen, weil ich schlicht nicht verstanden hatte, was da passiert. Zu ähnlich die Bezeichnungen, zu zahlreich die Konsequenzen.

Durch diese vielen Aktionen ist Dominant Species natürlich recht anfällig dafür, von Grüblern in die Länge gezogen zu werden. Das kann man natürlich auch ausschließlich den Spielern zum Vorwurf machen, aber erwähnenswert finde ich es trotzdem. Spätestens wenn – zusätzlich zur Reihenfolge und der begrenzten Auswahl an Platzierfeldern – auch noch die ausliegenden Ereigniskarten und Detailsituationen auf dem Spielplan in jede Entscheidung miteinbezogen werden, und das ist natürlich prinzipiell keine dumme Herangehensweise, kann es sich wirklich etwas ziehen.

Erfreut war ich über eine spezielle Spielregel für die Dominanz: Steht ein solcher Kegel falsch, zählt er explizit trotzdem, bis es jemandem auffällt. Das soll nicht zum Betrügen einladen, und es fällt meist auch schnell genug auf, aber es sorgt dafür, dass man nicht nach jeder kleinen Aktion das komplette Spielfeld überprüfen muss.

Nichts desto trotz und wie schon eingangs erwähnt, das Spiel ist ein Abendfüller, man kann es nicht mal eben dazwischenschieben.


Anspruch

Will ich mir die alleinige Kontrolle über ein paar Gebiete sichern, alle anderen Tiere rausfuttern und nur noch hier werten? Das ist möglich, aber anfällig für die Eiszeit-Aktion, die ähnlich einer Atombombe ganze Gebiete entvölkern kann. Oder breite ich mich so weit wie möglich aus, setze mich überall dazu und punkte mit? Dann werde ich aber wohl als eine Art Parasit wahrgenommen, die anderen Spieler werden mir ungerne Siegpunkte schenken und daher anfangen, mich zu verdrängen oder aufzufressen.

Lasse ich meine Tierchen rammeln wie die Karnickel, oder erschließe ich neue Nahrungsquellen, um zwar nicht das zahlreichste, aber das überlebensfähigste Tier zu steuern? Lohnt es sich für meine Reptilien, ein neues Gebiet anzubauen, oder belohne ich damit eher meine Mitspieler? Werte ich dieses Gebiet für Siegpunkte, auch wenn ich nicht dominant bin und den Vögeln eine Ereigniskarte überlasse?

Wie es sich für ein gutes Spiel gehört, ist alles möglich und alles irgendwie sinnvoll. Dominant Species bietet eine Vielzahl an strategischen Ansätzen und taktischen Entscheidungen, aufs Timing kommt es an. Und wie in jedem konfliktreichen Spiel auch ein bisschen auf Diplomatie: Hey du Affe, ich fress dich hier drüben nicht, lässt du mich dafür in der Tundra in Ruhe? Vogel, was hältst du davon, die Eiszeit hier auszulösen, das bremst die Insekten etwas aus, und wir müssen die unbedingt stoppen…

Insgesamt würde ich es schon im oberen Drittel anordnen, was die Komplexität und das Potential zum „Strategisieren“ angeht. Und es ist sehr gut darin, fordernd und spannend.


Thema

Hier bin ich so ein bisschen zwiegespalten.

Zunächst ist es ein bisschen seltsam, dass wir neben unseren Tieren auch noch das Terraforming steuern können, Gletscher verschieben, Vulkanausbrüche steuern und dergleichen. Das kann ich aber noch verschmerzen, dann bin ich wohl eine Art Spinnengott, der Intelligent Design betreibt – zumindest halbwegs intelligentes.

So richtig irritierend finde ich, dass die Landschaften sich lediglich in der Anzahl der Siegpunkte unterscheiden, die Nahrung ist völlig unabhängig davon. So entstehen immer wieder Meere ohne Wasser, Eiswüsten voller Aas und Würmer, Dschungel ohne Pflanzen und dergleichen.

Das schlichte Design hilft natürlich auch nicht dabei, so richtig einzutauchen.

Auf der anderen Seite stimmt das Spielgefühl: Das chaotische Getümmel, der Verdrängungskampf mit „fressen und gefressen werden“, die Flucht der Viecher vor dem sich ausbreitenden Eis, das Erschließen neuer Nahrungsquellen, das passt schon alles recht gut.


Bewertung

Ich nehme an, es scheint schon durch, ich mag Dominant Species sehr gerne.

Die Kombination aus Worker Placement und Area Control mit einem klitzekleinen bisschen Kampf und gegenseitigem Ärgern funktioniert hervorragend, und das Thema ist wunderbar unverbraucht. Ich mochte ja schon Age of Empires, das mechanisch ähnliche Inhalte hat. Das hier finde ich nochmal eine Stufe besser.

Wiederspielreiz: 9/10.

Wobei es natürlich auch geholfen hat, dass meine Spinnen sich mit absurd hohem  Abstand den Sieg sichern konnten. 😉

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Bildquelle: flickr
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