Archäologisches Zeichnen

Ich arbeite seit geraumer Zeit in der Archäologie, anfangs eher als Nebenjob, inzwischen kann man das eigentlich schon „hauptberuflich“ nennen.

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Relativ minimalistische Zeichnung einer Kellermauer in Köln, die über die Jahrhunderte eine Menge Nachbearbeitungen, Umgestaltungen und Verbesserungen erfahren hat, denn Köln wurde konstant bewohnt, und wer reißt schon Mauern ab, wenn er einfach alte Mauern weiterverwenden kann? Ein paar Fragmente aus der Römerzeit sind vorhanden, links sieht man einen großen Bogen aus dem Mittelalter, und in der Mitte eine neuzeitliche Treppenauflage. Die Quermauern, die die Kellerräume bilden, sind nur einskizziert.

Das Tätigkeitsbild ist wunderbar abwechslungsreich: nicht nur wechseln die Auftraggeber und damit die Einsatzorte und Befunde ständig, auch der Job an sich bringt eine Menge verschiedene Aufgaben mit sich: draußen mit den Händen arbeiten, Löcher schaufeln, Profile anlegen, Fotos machen, schriftliche Dokumentation, und eben das Zeichnen.

Auch wenn es heute 3D Scanner gibt, die natürlich wesentlich präziser sind als der beste Zeichner, gehört es immer noch zum Standard, dass jeder Befund per Hand gezeichnet wird, meist im Maßstab 1:20 (1mm auf dem Blatt entspricht 2cm Befund). Fotos oder 3D Scans alleine reichen nicht aus, weil sie lückenhaft sind und verzerren (Objekte im Hintergrund sehen kleiner aus als welche im Vordergrund und werden von diesen verdeckt), nicht interpretieren (also klare Grenzen ziehen) und alles Material gleich behandeln (ein Trachyt sieht erstmal aus wie ein Sandstein).

Also doch von Hand, wie vor hundert Jahren.

Dazu setzt man sich gemütlich vor die Mauer, Grube oder was auch immer man so ausgegraben hat, spannt sich eine waagrechte Schnur und befestigt ein Maßband daran, das ist die x-Achse. Dann legt man los, das ganze funktioniert ungefähr wie „Malen nach Zahlen“ auf Millimeterpapier. Mt dem Zollstock werden von der Schnur aus markante Stellen nach oben oder unten eingemessen (das ist die y-Achse) und aufs Papier übertragen.

Je nach Einsatzort hat man sogar gewisse „künstlerische Freiheiten“, die Zeichnungen müssen also nicht unbedingt rein „technisch“ bleiben. Die Gratwanderung zwischen „so schön wie möglich“  und „allen technischen Anforderungen (Befundtrennung, klare Grenzen usw) gerecht werden“, das ist es, was mir daran am meisten Spaß macht.

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Eine mittelalterliche Mauer (braune tuffe, „blaue“ Basalte) mit neuzeitlichen Ausbesserungen (orange Backsteine) und einer neuzeitlichen Bogen-/Gewölbekonstruktion davor. Ein bisschen „künstlerischer“ gezeichnet als nötig, eigentlich hätte es gereicht, die Steinumrisse zu zeichnen, und sie zur Kodierung einfarbig orange, blau und braun einzufärben.

Arbeitet man für private Investoren und nicht auf Wissenschaftsgrabungen, muss das ganze natürlich ein bisschen schneller gehen, die haben ja – verständlicherweise – keine Lust drauf, dass sich ihr Hausbau um Monate verzögert, nur weil ich so gerne mit Stiften spiele.

Die Branche ist ein Sammelbecken für allerlei kuriose Gestalten. Menschen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten, Individualisten, Freiheitsliebhaber, Quereinsteiger, Studienabbrecher, aber vor allem sehr „entspannte“ Menschen. Denn „Karriere“ macht man hier eh nicht, die Verdienstmöglichkeiten sind auch nicht unbedingt anziehend, in den Wintermonaten gibt es wenig bis nichts zu tun.

Aber dennoch: hat man einmal mit der Archäologie angefangen, kommt man kaum mehr weg, der Job gleicht einer Fliegenfalle: Es ist einfach so viel schöner, unter freiem Himmel zu arbeiten, als vor einem PC zu sitzen und Exceltabellen anzustarren.

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Eine mittelalterliche Latrine in Köln, Blick von oben und drei Ansichten der Seitenwände. Wieder haben die Mittelalten genutzt, was eh schon aus der Römerzeit im Boden war, diese riesigen Tuffklötze und (heute noch betonharte) Gussfundamente aus Mörtel und Bruchstein, und haben die Lücken (vergleichsweise stümperhaft) mit kleineren Steinen zugemauert.

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