Speeddating mit Verlagsvertretern – Göttinger Spieleautorentreffen 2015

Anfang Juni habe ich mich kurzfristig dazu entschlossen, nach Göttingen zum alljährlichen Spieleautorentreffen zu fahren, einer Art Messe, die dem Austausch von Ideen und dem Blick über den Tellerrand (was machen die anderen Autoren so?) dient, aber auch und vor allem die Gelegenheit bietet, Spielideen bei Verlagen unterzubringen. 

Ich hatte mein Strategiespiel Schwerter und Intrigen und mein Mafiaspiel Mezza Morta im Gepäck. Beim ersteren gingen meine Erwartungen von vorneherein gegen Null: dass ich meine Ritter bei einem deutschen Verlag unterbringe, halte ich für ein fast hoffnungsloses Unterfangen, das Spiel ist zu abendfüllend, komplex und kriegerisch für ein „Eurogame“, aber leider auch zu rationalisiert und materialsparend für den amerikanischen Markt (die mögen Rollenspiel und viele Miniaturen). Dass alle meine Testspieler es lieben, spielt ja leider keine Rolle. Mezza Morta dagegen ist ein schnelles, spaßiges Spiel mit einfachen Regeln, hier erhoffte ich mir doch einiges.

Angekommen in der Halle war ich erstmal wie erschlagen. Hunderte von Tischen, auf denen die Autoren ihre Spiele aufgebaut hatten, ein wildes Treiben und chaotisches Durcheinander. Die ersten Stunden saß ich dann erst einmal herum, fest an meinen Tisch geklammert, um auch ja keinen Verlagsvertreter zu verpassen. Die kommen aber irgendwie nicht von alleine.

Glücklicherweise habe ich losen Kontakt zu ein paar anderen, wesentlich erfahreneren Kölner Autoren und „Göttingen-Veteranen“, die mir auch ein paar Verlage an den Tisch schickten, so dass ich Gelegenheit hatte, meine Spiele vorzustellen.

Das läuft dann ab wie beim Speeddating: Kurz und prägnant sagen, worum es geht, wie lange es dauert, was die Zielgruppe und was der „tolle Kniff“ ist (das Spiel muss natürlich einen haben). Dann ein kurzes Frage-und-Antwort-Spiel, und mit etwas Glück hat man das Interesse geweckt und wird aufgefordert, eine Spielanleitung oder gar einen Prototypen einzureichen. Die Zeit ist begrenzt, die Fehlermarge ist gering: Ein falscher Satz, und der Vertreter verzieht das Gesicht und geht einfach weg.

Im Laufe des Tages hatte ich auch die größeren Verlage am Tisch sitzen, es war interessant und lehrreich, aber leider nicht zu zielführend. Mit dem Vertreter von „Pegasus“ habe ich mich geraume Zeit über mein Ritterspiel und Strategiespiele im Allgemeinen unterhalten, nette Damen von „Hans im Glück“ und „Ravensburger“ haben sich einige Zeit für „Mezza Morta“ genommen, aber so richtig erfolgreich kam mir das alles nicht vor.

Ich konnte vor allem sehen, dass meine Spiele nicht zu den Suchkritierien passen. Die Verlage wollen „eierlegende Wollmilchsäue“: einfache, schnelle Partyspiele, die wenig Material und eine kleine Schachtel haben, dafür aber viel Spieltiefe und innovative Mechaniken, und überhaupt. Hmmm.

Einige Spiel-„ideen“ (die Anführungsstriche sind Absicht), um die sich die Verlage an den Nachbartischen geradezu zu reißen schienen, waren etwa einfache Variationen von Gruppenspielen, die wir früher in der Jugendarbeit gespielt haben (zB „geheimes Wort, mit ja/nein-Fragen drauf kommen“ oder „einen Satz in bestimmter Tonlage vorlesen, Mitspieler müssen erraten, ob du Rotlichtdame oder Surflehrer bist „). Das war irgendwie enttäuschend und entmutigend, denn solche Spiele zu entwickeln, interessiert mich zum einen nicht besonders, zum anderen kommt es mir auch nicht sehr „innovativ“ vor, eine uralte Idee aufzuwärmen.

Und ich konnte sehen, wie „familiär“ und eingespielt die Branche ist. Viele Autoren und Vertreter kennen sich schon Jahre und suchen gegenseitig den Kontakt, als Neuling ist es nicht unbedingt leicht. „Networking“ betreibt auch nicht jeder so gerne.

Ich hatte dann immerhin doch noch einige erfolgreiche Gespräche mit kleineren Verlagen, bin also – was das Geschäft angeht – nicht ganz umsonst hingefahren. Aber auch hier merkt man wieder, wie langsam die Mühlen in der Branche mahlen. Emails werden wochenlang nicht beantwortet, Spiele werden monatelang studiert und getestet, und Veröffentlichungen kann man frühestens für „in anderthalb Jahren“ oder „zur Spiel 2018 in Essen“ erhoffen. Und dann kommt das Spiel vermutlich in einer kleinen Auflage heraus, erreicht seine Halbwertszeit nach drei Monaten und wird dann verramscht… Egal, es geht ja um die Ehre… oder so. 😉

Abgesehen davon war das Wochenende großartig.

Als ich mich endlich von meinem Tisch lösen und die Halle erkunden gehen konnte, ohne Angst zu haben, genau in diesem Moment den „Deal meines Lebens“ zu verpassen, hatte ich auf einmal haufenweise Gelegenheiten, mit allerlei netten Leuten zu plaudern, mit großen und kleinen Autoren (etwa dem legendären Friedemann Friese), und sogar mit einigen Vertretern (so böse sind die gar nicht, wenn man sich normal und nicht in Bewerbungsatmosphäre unterhält). Und vor allem der Austausch mit anderen Autoren und Illustratoren war wundervoll. Spielideen ausprobieren und diskutieren, über die Branche und das Schicksal lästern…

Alleine dafür werde ich bestimmt nächstes Jahr wiederkommen.

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11 Gedanken zu “Speeddating mit Verlagsvertretern – Göttinger Spieleautorentreffen 2015

  1. Interessant mal zu lesen wie sowas abläuft 🙂 ich glaub auch, dass bei so einem „familiären Rahmen Networking ganz ganz wichtig ist, sozusagen einen Fuß in die Tür kriegen. Und ich weiß auch, wie schwer sowas sein kann, als 60% Introvertierte. Jedenfalls wünsch ich dir viel Erfolg mit deinen Spielen 🙂

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    • Hallo Matthias!
      War nicht böse gemeint, ich war nur überrascht, wie „einfach“ manche der vorgestellten Ideen waren, meine persönlichen Grenzen zwischen „innovativ“ und „schon dagewesen“ durchbrechen viele Spielideen eher nicht. Ich bin aber auch eher weniger ein Fan von einfachen Partyspielen.

      Du kannst mich unter mein.name@yahoo.de erreichen (mein name steht fett im blogtitel), ich hab grad 5 minuten versucht, google+ zu verstehen, und es dann doch aufgegeben, vielleicht liest du ja das hier. 😉

      Und danke nochmal fürs „Autoren an den Tisch schicken“! 😉

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  2. Leider gibt es nur wenig Bereitschaft im traditionellen Spielwarenhandel endlich mal die klassischen Bestückungen der Läden zu durchbrechen. Meist ist Siedler da da höchste der Gefühle. Schon ein Machi Koro findest du nicht überall. Die Kunden wären ja sogar bereit mal was anderes zu probieren, aber sie bekommen ja immer nur die gleiche Soße vorgesetzt, wie sollen die da ahnen, dass es so viele andere Spiele gibt.

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    • …würde ich so nicht unterschreiben. Ich war zum Beispiel überrascht, wie viele verschiedene Spiele ich in der Spielwarenabteilung von Karstadt gefunden habe. Oder sogar in der Mayerschen (Kölner Riesenbuchladen, vergleichbar mit Hugendubel in München).

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  3. Ist aber leider die Ausnahme und in der Regel hast du da fast immer einen engagierten Mitarbeiter, nach dessen Weggang dann alles wieder zusammenbricht.

    Bei uns im Karstadt oder Müller gibt es natürlich auch viele Spiele, aber zu 90% sind es fast immer Variationen des Standardprogramms wie man es seit Jahrzehnten kennt. Da bist du schon für Hanabi dankbar. Denn ganzen Läden fehlen eigentlich Präsentationen, die die Leute zu den anderen Spielen bringen. Es war erschreckend, wie zu Weihnachten hier vor Ort massig Mensch ärgere dich und Kniffel weggingen… aber selbst Siedler eher im Regal liegen blieb.

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