Angespielt – Die Borgia

https://boardgamegeek.com/boardgame/7720/prince-struggle-house-borgia

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(Foto von BGG)

Die Borgia ist ein Auktionsspiel mit Intrigenkomponente. Die Spieler kaufen sich diverse Karten und hauen sich Hinterhältigkeiten um die Ohren, es werden Besitz, Adlige, Ämter und Künstler gesammelt und protegiert/ergaunert, das gibt de facto einfach nur Siegespunkte, dreimal wird ein Papst gewählt (bringt Siegespunkte und kann Ämter verschachern), und dann ist es vorbei.

Das Spiel kostet nur ungefähr einen Zehner, was für die Materialmenge ein guter Deal ist. Eigentlich.

Aber: Selten habe ich so einen unausgegorenen Quatsch in der Hand gehabt.

Erstmal die äußeren Komponenten:

1. Die Box enthält eine Sortiereinlage, aber ganz sicher nicht für dieses Spiel. Die Münzen passen nicht in die Schubfächer etc. Keine Ahnung, was das soll.

2. Die Münzen für 1, 2 und 5 Dukaten sehen auf den ersten Blick gleich aus. Gleiche Größe, gleiche Farbe, bei Schummerlicht sieht man die Zahl kaum.

3. Die Spielregel bricht auf der letzten Seite mitten im Satz ab. Lektor?

4. Die Spielregel besteht zu mindestens 50% aus einer Wiedergabe der Kartentexte (ohne weitere Erläuterung). Was zur Hölle?

5. Die Spielregel besteht aus fürchterlichen Schachtelsätzen und ist demotivierend und unverständlich bis zweideutig zu lesen. Es ist zum Beispiel nur bedingt klar, was mit abgeworfenen Karten passiert (Recyclen? Entfernen?). Wie das Spiel ablaufen soll, lässt sich insgesamt nur schemenhaft erahnen.

6. Die Illustrationen sind aus Gemälden der Zeit zusammengephotoshopt. Kann ausreichen, ich finds etwas zu „einfach“, Null Eigenleistung.

7. Es liegt ein schäbiger Blanko-Notizblock bei, auf den man für die geheime Papstwahl schreiben soll, wen man wählen will. Als hätte man das nicht mit Material lösen können.

8. Wenigstens sind die Karten selbstredend beschriftet.

9. Es fehlt eine „Spielablauf“-Übersicht, die wir selbst aufschreiben (sprich: aus den fürchterlichen Regeln herausdestillieren) mussten. War der Block doch zu was nütze.

Dann das Spiel an sich:

1. Die Intrigenkomponente funktioniert nicht.

Zunächst werden die Karten offen erworben, man weiss also im Regelfall, was der Mitspieler hat. Und auf 90% der Karten steht „sofort ausspielen“, so gut wie nichts darf man auf der Hand behalten. Man hat also eher eine oder keine Karte auf der Hand, und wenn man mehrere hat, sind das wohl zwangsläufig Truppen oder andere Ans-Bein-Pinkel-Karten. Insbesondere bedeutet das, dass man abzählen kann, ob der andere sich wehren kann (also die ohnehin viel zu seltenen und zufälligen Truppenkarten „Condottiere“ besitzt) oder nicht. Und es bedeutet:

2. Die Auktionsphase funktioniert nicht.

Warum sollte ich Geld für eine Karte ausgeben, wenn ich sie sofort ausspielen muss und nicht verteidigen kann, so dass ein Mitspieler sie mir (ohne einen Cent zu investieren) einfach stehlen kann? Das ist völlig absurd. In der ersten Phase haben wir noch Karten gekauft (weil wir nicht wussten, wie der Hase läuft), in der zweiten wollte niemand mehr bieten/kaufen. Das Spiel geht aber erst weiter, wenn alle 10-12 Karten vergeben sind. Außerdem bringen je zehn Dukaten einen Siegespunkt, es ist also oft schlicht besser, wenig bis gar nichts zu bieten und einfach so Siegespunkte zu erhalten.

3. Die Papstwahl funktioniert nicht.

Du kannst den anderen Spielern zu wenig für ihre Stimmen bieten (außer Geld und losen Versprechungen, was aber beides wenig Einfluss auf den Spielverlauf hat). Die Spieler haben nun genau zwei Optionen: a) sie wählen einen der führenden Spieler mit gefährlich vielen Siegespunkten zum Papst und machen ihn damit zum Sieger, oder b) sie wählen den Spieler mit den wenigsten Punkten. Ratet mal, was zwangsläufig passiert, wenn die Spieler nicht gehirnamputiert sind. Insbesondere die dritte finale Papstwahl ist einfach nur stumpfes Siegespunkteabzählen.

4. Die Verhandlungsphasen sind also nichtig und langwierig zugleich. Die Aktionsphasen sind mehr oder weniger vorgeschrieben, da du Karten entweder spielen musst oder eh nix anderes mit ihnen tun kannst. Bluffen, Taktieren und Intrigieren? Fehlanzeige.

5. Die Optionen sind insgesamt äußerst mager. Karten können entweder verteidigt werden oder nicht, und das ist reines Glück (die richtige Karte dafür haben).

6. Aus für uns völlig unersichtlichen Gründen ist der Erwerb von Einkommen auf zwei Spielphasen verteilt. Einmal erhält man 35 Dukaten für seine Familie, später erhält man nochmal Geld für seine ausliegenden Karten.

7. Ein paar Karten enthalten oder-Texte, wobei die eine Option gerne doppelt so gut ist wie die andere, zB Spion: „Nimm eine Karte aus der Mitte, oder: stiehl einem Mitspieler eine seiner Karten“. Das eine hat den Wert „1 Karte“, das andere den Wert „2 Karten“ (du gewinnst eine, er verliert eine). Illusion of Choice.

8. Ein paar Karten sind absurd, wenn man den passenden Konter nicht hat, und wieder ist das reines Glück, vorbereiten kann man sich nicht. z.B. „Savonarola – Der Papst setzt eine (von drei!) Runden quasi komplett aus. Kann nur durch Meuchelmörder-Karten (insgesamt gibt es zwei!) abgewehrt werden.“

Fazit: 1/10. Nicht kaufen, direkt „ausschlachten“ (die Münzen sind ganz hübsch), oder massive Hausregeln einführen, um das Spiel zu „retten“.

Das Spiel versucht zwar halbwegs erfolgreich, thematisch und historisch akkurat zu sein (ich habe neulich mal wieder Il Principe gelesen und die gleichnamige Serie geschaut, kann das also so halbwegs beurteilen), die Spielmechanik ist aber unausgegoren und fehlerhaft, so dass das Spiel, wie es aus der Packung kommt, keinen Sinn macht.

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